News rund um Lateinamerika

      KUBA: Und Castro denkt doch an die Zukunft (15.02.2006)

      Was passiert nach Castros Tod? - Der kubanische Staatschef selber lanciert darüber eine Debatte

      Wenn Fidel Castro einmal nicht mehr da ist - stirbt dann auf Kuba auch der Sozialismus? Die Kubaner, sonst streng kontrolliert, dürfen derzeit laut darüber nachdenken. Fidel Castro selber munterte dazu auf.

      Seit Anfang Jahr wird in Havanna in den 19 000 Komitees zur Verteidigung der Revolution diskutiert, wie es mit Kuba nach dem Tod des heute 79-jährigen Staatschefs Fidel Castro weitergehen soll. Während den nächsten Monaten soll diese Debatte in allen Komitees im Lande stattfinden. Kernfrage in der Debatte ist: Wie können die Errungenschaften der Revolution von 1955 bis 1959, vor allem natürlich der Sozialismus, fortbestehen, wenn Castro tot ist?

      Fidelisten, nicht Sozialisten

      Bisher hatte sich der kubanische Staatschef mit Überzeugungskraft und oft auch Repression die Unterstützung seiner Politik gesichert. Solange der Revolutionsführer lebt, erwartet denn auch weder in Kuba noch im Ausland niemand eine Abkehr vom herrschenden System. Castros Lebenserwartung aber schwindet. Und gleichzeitig bezeichnet sich eine Mehrheit der Kubaner nicht als Sozialisten, sondern als Fidelisten.

      Das heisst, sie stehen grundsätzlich hinter der Person Castro, aber nicht unbedingt hinter dem Sozialismus. Was also passiert, wenn ihr Idol nicht mehr da ist?

      Castros Regime wird von internationalen Organisationen und vor allem von den USA regelmässig kritisiert. Weniger für seine Menschenrechtsverletzungen, die im Vergleich mit anderen lateinamerikanischen Staaten wie Kolumbien, Mexiko oder Honduras moderat sind. Umso mehr aber weil die Regierung den Kubanerinnen und Kubanern praktisch keine politischen Rechte einräumt.

      Die gegenwärtige Einladung der Regierung an die Bewohner der Karibikinsel, an der Diskussion über die Zukunft des Landes teilzunehmen, ist deshalb aussergewöhnlich.

      Aufschlussreiche Umfrage

      Genau dies, nämlich eine offene Debatte über die Zeit nach Castro, hatten jüngst Hunderte Studenten in einer Umfrage über die Missstände auf der Insel gefordert. Diese Umfrage der staatlichen Zeitung «Juventud Rebelde» durfte mit Zustimmung der Regierung - auch dies ist aussergewöhnlich - im ganzen Land durchgeführt werden. Eine Mehrheit der Befragten offenbarte passiven Widerstand gegenüber der Regierungspolitik respektive resigniertes Warten auf den Abgang des Staatschefs.

      Umfragen von Korrespondenten ausländischer Zeitungen und Nachrichtenagenturen in der Hauptstadt Havanna ergaben ähnliche Resultate. Die Studenten kritisierten ferner auch übermässige, politische Einheitspropaganda, fehlende Reisefreiheit und das Lohnniveau. Es dürfe zum Beispiel nicht sein, dass ein Kellner dank dem Trinkgeld ausländischer Touristen mehr verdiene, als ein Arzt in Form seines staatlichen Lohnes erhalte.

      Auslöser der gegenwärtigen, ungewöhnlich öffentlichen und auch ungewöhnlich offenen Debatte war eine Rede Fidel Castros im vergangenen November an der Universität Havanna. Die Zuhörer staunten nicht schlecht, als der Lider Maximo, der die Revolution bis dahin immer als «unbesiegbar» bezeichnet hatte, mit einem Mal offen über interne Gefahren für den Sozialismus sprach. Die Szenarien für das Kuba nach Castro reichen vom Fortbestehen des sozialistischen Systems bis zu einer US-Invasion.

      Letzteres galt stets als grösste Bedrohung - und ist es anscheinend nicht mehr seit Castros Rede: «Dieses Land, diese Revolution können von uns selbst zerstört werden», sagte der Staatschef vor Ministern, Professoren und Studenten. Zuvor hatte er über Misswirtschaft, Korruption und massiven Diebstahl in den Staatsbetrieben gewettert - Probleme, die Kuba schon seit Jahren zu schaffen machen.

      Castro forderte auch eine «Revolution in der Revolution», um politische und wirtschaftliche Fehler der Vergangenheit auszumerzen: eine Kampagne, die mehr ethischen als politischen Charakter besitzt und die dazu dienen soll, den bröckelnden Idealismus unter den Bürgern zu festigen und die Jungen, welche die Revolution nur aus den Geschichtsbüchern kennen, in die Ideologie einzubinden.

      Grosse Unzufriedenheit

      Politologen haben Fidel Castros Rede als so realitätsnah bezeichnet wie seit dem Revolutionsende keine andere. Zwar wurde 2002 der Sozialismus gar in der Verfassung verankert und bereits zuvor Fidels um fünf Jahre jüngerer Bruder Raul als sein Nachfolger designiert. Der kubanische Staatschef aber scheint sich bewusst zu sein, dass es mehr braucht, um den Geist der Revolution über seinen Tod hinaus am Leben zu erhalten.

      Vor allem scheint er erkannt zu haben, dass die grösste Bedrohung aus dem Inland kommt: die wachsende Unzufriedenheit der Bürger, an der ja die meisten sozialistischen Staaten gescheitert sind.

      Castros Aufforderung an die Kubaner, an der Diskussion über die Zukunft des Landes teilzunehmen, kommt aber nicht nur im jetzigen Zeitpunkt, weil er im August 80 wird und der passive Widerstand gegen sein Regime wächst. Sie kommt vor allem auch deswegen jetzt, weil die wirtschaftlichen und politischen Perspektiven der Insel so gut sind wie nie seit dem Fall der Sowjetunion.

      Kuba hat vor Kurzem seine Wirtschaftszusammenarbeit mit Venezuela und China gestärkt und ist 2005 mehr gewachsen denn je seit 1959. Derweil werden die politischen Freunde mit jedem Linksrutsch in Lateinamerika zahlreicher. Unter diesen Voraussetzungen kann Kubas Regierung die Lebensqualität der Bürger erhöhen, wie zurzeit mit massiven Investitionen in den öffentlichen Verkehr und die Energieversorgung, und damit gleichzeitig den Rückhalt im Volk für den Sozialismus erneuern.
      Das absolute Wissen führt zu Pessimismus; die Kunst ist das Heilmittel dagegen.
      Friedrich Nietzsche (1844-1900), dt. Philosoph


      VENEZUELA: Chávez wünscht britischen Premier "zur Hölle" (15.02.2006)

      Der linkspopulistische Präsident Venezuelas, Hugo Chávez, hat in harschem Ton auf Kritik des britischen Premiers Tony Blair reagiert.


      "Fahren Sie zur Hölle, Herr Blair", waren dabei noch die freundlichsten Worte, die Chávez für Blair übrig hatte.

      Dem britischen Regierungschef stehe es moralisch nicht zu, irgendjemanden zu kritisieren, sagte Chávez am Mittwoch in einer Rede. Venezuela sei ein freies Land.

      Damit reagierte der Präsident Venezuelas auf eine Rede Blairs vom Mittwoch im Unterhaus. Darin hatte Blair an Venezuela appelliert, sich an die demokratischen Spielregeln der Staatengemeinschaft zu halten. Auch hatte Blair in seiner Ansprache Kuba kritisiert, den wichtigsten Partner Venezuelas in Lateinamerika.

      An die Adresse Blairs gerichtet fügte Chavez hinzu: "Glauben Sie etwa, wir leben noch immer in Zeiten des Imperialismus und Kolonialismus?"

      Blair gilt als enger Verbündeter der USA, die seit Jahren ein äußerst gespanntes Verhältnis zu Chávez haben. Der venezolanische Präsident hatte US-Präsident George W. Bush jüngst gar mit Hitler verglichen. Seine abstrusen Vergleiche setzte Chávez nun fort: "Herr Tony Blair ist der Hauptverbündete Hitlers."
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      Friedrich Nietzsche (1844-1900), dt. Philosoph


      KUBA: Märtyrer für das Internet (15.02.2006)

      Ein kubanischer Journalist ist wegen der Internet-Zensur in den Hungerstreik getreten.


      Auf der Karibikinsel ist der Zugang zu Computern und Internet streng kontrolliert.

      Der kubanische Journalist Guillermo Fariñas Hernández kämpft seit Ende Januar mit einem Hungerstreik dafür, dass den Bewohnern Kubas freier Zugang zum Internet gewährt wird.

      Feinde des Internets

      In einem offenen Schreiben an Fidel Castro hat der 42-jährige Chef der unabhängigen kubanischen Nachrichtenagentur «Cubanicán Press» erklärt, er sei bereit zu sterben, wenn er und die Bürger Kubas keinen freien Zugang zum Internet bekämen.

      Die Organisation «Reporter ohne Grenzen» zählt das Land, wie unter anderen auch China, Saudi-Arabien und Nordkorea, zu den «Feinden des Internets». Gerade mal 120.000 der 11,3 Millionen Einwohner Kubas haben nach Angaben der Organisation Zugang zum Internet.

      Bis zum 23. Januar diesen Jahres konnten «El Coco», wie der Journalist genannt wird, und seine Agentur-Mitarbeiter einen Internetzugang nutzen, um regierungskritische Nachrichten zu veröffentlichen. Nachdem der Zugang geschlossen wurde, erklärte El Coco gegenüber «Reporter ohne Grenzen»: «Ich fordere, dass jeder kubanische Bürger das recht auf Zugang zum Internet hat, ich fordere zudem das Recht für die unabhängige Presse, über die Arbeit der Regierung zu berichten - und wenn ich zum Märtyrer für das Internet werden muß, so sei es.»

      Amerikansiches Embargo als Vorwand für Zensur

      Ab dem 31. Januar hat Fariñas dann die Aufnahme von Nahrung und Wasser verweigert, wird aber seit Freitag vergangener Woche auf Drängen der Ärzte hin intravenös ernährt, wie die «Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung» berichtet. Demzufolge wirft Fariñas seiner kommunistischen Regierung vor, das seit Jahrzehnten bestehende US-Embargo als Vorwand zu nutzen, den Bürgern den Zugang zu ungefilterten Informationen im Internet zu verwehren.

      Die Partei kontrolliert streng den Verkauf von Computern und Modems. Nur die wenigsten Kubaner verfügen über einen Internetzugang, der von der staatlichen Telefongesellschaft genehmigt werden muss. Wer das versucht zu umgehen und internationale Beziehungen nutzt, um an eine Internetausrüstung zu kommen, macht sich wegen der «konterrevolutionären Nutzung des Internets» strafbar
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      Friedrich Nietzsche (1844-1900), dt. Philosoph


      ECUADOR: Proteste bei Ölförderanlage in Ecuador beendet (02.03.2006)

      In Ecuador sind die schweren Auseinandersetzungen zwischen Demonstranten und der Polizei bei einer Ölförderanlage beendet



      Die Besetzer hätten die Anlage verlassen, sagte ein Sprecher des Militärs am Donnerstag.

      Am Dienstag hatten die Demonstranten die Anlage in der Amazonas- Region gestürmt und eine der zentralen Pipelines des Landes lahm gelegt. Sie forderten von der Regierung mehr Geld für den Bau von Strassen, Brücken und einem Flughafen.

      Am Mittwochabend sprach Innenminister Alfredo Castillo von einer Einigung. «Wir werden jetzt über ihre Bedingungen verhandeln», sagte er gegenüber der Nachrichtenagentur Reuters.

      Bei den Zusammenstössen mit Sicherheitskräften wurden den Behörden zufolge mindestens fünf Menschen verletzt. Die Demonstranten bewarfen Polizisten mit Dynamit und Steinen. Die Sicherheitskräfte schossen mit scharfer Munition und setzten Tränengas ein.

      Wann die Ölleitung wieder in Betrieb geht, soll nach Angaben Betreiberfirma noch am Donnerstag bekannt gegeben werden. Ecuador ist Lateinamerikas fünftgrösster Ölproduzent. An der Pipeline sind alle in Ecuador vertretenen wichtigen ausländischen Ölförderfirmen beteiligt. Zum Zeitpunkt der Unterbrechung transportierte sie 160 000 Barrel am Tag.
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      Castros Cohiba wird 40 (02.03.2006)

      Havanna rüstet sich für eine große Geburtstagsfeier: Er wird 80 und sie 40.

      Die Rede ist von Fidel Castro und "seiner besseren Hälfte", der Cohiba.

      Nächsten Freitag steigt in Kubas Hauptstadt die Abschlußgala des 8. Festival del Habano. Es spricht einiges dafür, daß der Máximo Líder erstmals seit drei Jahren wieder dabeisein wird. Gefeiert wird schließlich sein ganzer Stolz: die Cohiba, ungekrönte Königin der Havannas.

      Ihr Aufstieg begann vor 40 Jahren. Kurz nach der Revolution im Januar 1959 bezog Castro die Präsidenten-Suite des gestürzten Diktators Batista im damals nagelneuen "Hilton". Dicke Rauchschwaden waberten fortan durch die Luxus-Gemächer. Eines Tages bemerkte Castro den exotischen Duft einer unbekannten Havanna dazwischen. Sein Bodyguard Chicho war die Quelle. Der bot ihm eine dieser schlanken Zigarren an, die sein Freund, der Zigarren-Roller Eduardo Rivera, für den eigenen Gebrauch fertigte.

      Castro war begeistert. Fortan fungierte Rivera als heimlicher Torcedor des Revolutionärs, und die schlanke Havanna mit dem Zipfel wurde zur Legende.

      Ausgesuchte Staatsgäste und Diplomaten bekamen die noch namenlose Zigarre als Geschenk. 1964 wurde im Nobelstadtteil Miramar der ehemalige Country Club kurzerhand in eine Mini-Zigarrenfabrik umfunktioniert, in der ausschließlich Castros Havanna produziert wurde. Rivera rollte sie gemeinsam mit acht handverlesenen Frauen. Darunter auch eine gewisse Norma Fernández.

      1966 schließlich bekam die Zigarre des Comandante ihren Namen Cohiba. So nannten die kubanischen Taino-Indianer vor 500 Jahren ihre gerollten Tabakblätter.

      Kurz darauf verlegte man die Fertigung ein paar Straßen weiter in einen mondänen Pavillon - die heutige El-Laguito-Fabrik. 1969 erhielt die Cohiba ihr berühmtes Logo, den Indianerkopf. Zu Fidels Laguito No. 1 (Lanceros) kamen noch die Laguito No. 2 (Coronas Especiales) und die Laguito No. 3 (Panetelas). Doch erst mit ihrer offiziellen Markteinführung 1982 startete der Siegeszug der Cohiba.

      Heute gehört sie zu Kuba wie der Bart zu Fidel. Bis zu Castros öffentlichem Bekenntnis aus dem Jahr 1985 ("Ich gebe als Vorbild für alle Kubaner das Rauchen auf") rollte Norma Fernández exklusiv für ihn die Cohibas. Inzwischen ist sie die letzte noch verbliebene Torcedora aus der Anfangszeit.

      Zum 40. Geburtstag der Marke hat Señora Fernández noch einmal eine wichtige Aufgabe übernommen. Sie allein fertigte die 4000 Jubiläums-Zigarren Behique Cohiba 40 Aniversario. Seit letztem Sommer war sie ausschließlich mit der Herstellung dieser Havanna mit monströsen Ausmaßen (192 mal 52) beschäftigt. Große Mengen kostbarster Tabake der besten Lagen in Pinar del Río wurden für die Behique verbraucht.

      Schade eigentlich. So wurde die vielleicht letzte Chance verpaßt, zu Fidels Lebzeiten noch eine Jubiläums-Lancero zu bringen. Denn sie war und ist immer noch die beste Cohiba. Im Laufe ihrer 40jährigen Karriere gab es nur eine kurze Schwächephase - 1999 bis 2001. Selbst in dieser wilden Boomzeit war der Tabak einzigartig, nur die Verarbeitung ließ zu wünschen übrig (kaum Zug).

      Bleibt nur die Hoffnung auf den nächsten großen Geburtstag in fünf Jahren. Vielleicht überrascht uns der Máximo Líder dann doch noch einmal mit einer Lancero im Mund. So aber kommen 100 Cohiba-Humidor-Schatullen mit je 40 Zigarren in den Handel. Vermutlich zu einem sehr hohen Preis. Denn: Schon zum 30. Geburtstag kostete die Sonderserie Robustos Especiales im Humidor mit 50 Stück umgerechnet 37 000 Mark.
      Das absolute Wissen führt zu Pessimismus; die Kunst ist das Heilmittel dagegen.
      Friedrich Nietzsche (1844-1900), dt. Philosoph


      Spanier irritiert vom Turbo-Hoden

      Ist zwar nicht direkt Südamerika, aber den möchte ich hier echt noch zum besten geben :D :D :D :D



      Spanier irritiert vom Turbo-Hoden

      In Miami, Los Angelos und New York warb VW mit „Turbo-Cojones – im Englischen die Umschreibung für Mut oder Kühnheit. Im Spanischen hingegen steht der Ausdruck zwar auch für „Courage“. Aber wörtlich übersetzt sind „Cojones“ nichts anderes als „Hoden“ – und wer will schon mit Turbo-Hoden durch die Gegend fahren?

      Entsprechend verstimmt reagierte der spanischsprachige Teil Amerikas – in Miami die Mehrheit – auf den VW-Fauxpas. Dem Hersteller ist der Vorgang offenbar so peinlich, dass die Plakate jetzt USA-weit verschwanden.


      Quelle focus.de
      Venezuela: Autobahnbrücke komplett eingestürzt (23.03.2006)

      In Venezuela ist eine vierspurige Autobahnbrücke zwischen der Hauptstadt Caracas und dem Flughafen La Guaria fast völlig eingestürzt.

      Das Bauwerk sei am Sonntagvormittag (Ortszeit) innerhalb von nur 15 Sekunden auf einer Länge von 246 Metern in eine 61 Meter tiefe Schlucht gestürzt, berichtete die Tageszeitung "El Universal".

      Menschen kamen nicht zu Schaden, da die baufällige Brücke bereits seit Jänner für den Verkehr gesperrt war. Die Trümmer fielen auf eine Vorstadt-Siedlung, die ebenfalls schon vor längerer Zeit evakuiert worden war. Von der Brücke blieb lediglich ein Pfeiler stehen.

      Mit dem Einsturz ist die einzige Direktverbindung zwischen Caracas und der venezolanischen Küste, an der auch der Flughafen liegt, unterbrochen. Reisende müssen nun einen Umweg von drei Stunden über schlecht ausgebaute Landstraßen in Kauf nehmen.

      Langsamer Tod

      Die in den fünfziger Jahren gebaute 21 Meter breite und 300 Meter lange Brücke - einst die größte aus Beton gebaute Bogenbrücke der westlichen Hemisphäre - war in den vergangenen Jahren "einen langsamen Tod" gestorben.

      Experten hatten schon in den achtziger Jahren Schäden an ihr festgestellt, die durch Bewegungen im angrenzenden Bergmassiv verursacht wurden. Schon 1988 gab die venezolanische Regierung den Bau einer Ausweichstrecke in Auftrag, die aber wegen Geldmangels bis heute noch nicht errichtet wurde. Nun wird fieberhaft an ihr gearbeitet.

      Die Opposition nutzte den Einsturz zu Kritik am Staatspräsidenten Hugo Chavez, dem sie Versäumnisse beim Erhalt und Ausbau der Infrastruktur im Land vorwarfen. "Diese arme Brücke. Sie ist niedergebrochen, sie hat sich niedergelassen. Sie starb im Frieden", spielte er den Einsturz herunter.

      Während viele aus den Siedlungen unterhalb und oberhalb der Brücke evakuierte Menschen die von der Regierung für ihre Häuser ausgezahlte Entschädigungssumme (umgerechnet 20.000 Euro) beklagen, ist für andere der Brückeneinsturz ein Segen.

      "El Universal" berichtete von mehreren Personen, die in den Trümmern nach Verwertbarem wie Kupferkabeln und Eisengittern und Aluminium suchen. "Mit dem Gitter werde ich mir einen Hühnerkäfig bauen", sagte einer von ihnen, der 17-jährige Jesus.
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      Friedrich Nietzsche (1844-1900), dt. Philosoph


      Peru: Der Fluch der Expräsidenten (23.03.2006)

      Ecuadors früherer Präsident Lucio Gutiérrez ist nach fünf Monaten Untersuchungshaft freigelassen worden - und will sein Amt zurück.

      Über dem Andenstaat "liegt der Fluch der Expräsidenten". Das 13-Millionen-Einwohner-Land gilt als nahezu unregierbar. Und das nicht zuletzt deshalb, wie der Lateinamerikaexperte der Stiftung Wissenschaft und Politik sagt, weil in den vergangen zehn Jahren acht Präsidenten aus dem Amt gejagt wurden, "ohne ihren Kampf um Einfluss aufzugeben, um weiterhin ihre Klientel bedienen zu können".

      Im Fall Gutiérrez ist noch unklar, ob er sich überhaupt als Kandidat für die anstehenden Präsidentschaftswahlen registrieren lassen kann - gegen ihn sind acht weitere Strafverfahren anhängig.

      Auslöser der sozialen Rebellion, die Gutiérrez 2005 das Amt kostete, war nicht etwa eine Wirtschaftskrise. Sondern "die Wut über unfähige und korrupte politische Eliten", schreibt Karin Gabbert im Jahrbuch Lateinamerika 29. Eliten, die jede Reform oder Lösung für Probleme "auf so beleidigend durchsichtige Weise blockierten", wie beim Umgang mit dem obersten Gerichtshof, den Gutiérrez 2004 "verfassungswidrig abgesetzt und mit Gefolgsleuten besetzt hatte".

      Ecuadors politisches System ist äußerst instabil. "Das Land kämpft an vielen Fronten gleichzeitig", sagt Maihold. Politiker gelten als korrupt und unfähig. Ihr Respekt gegenüber demokratischen Institutionen ist nur schwach ausgeprägt. Die Parteien verlieren zunehmend ihren Einfluss zu Gunsten lokaler Machthaber.

      Das Land ist geprägt von zentrifugalen Tendenzen: Seit Jahrzehnten liegen die exportorientierte Küstenregion um Guayaquil (Costa) und die binnenmarktorientierte Hauptstadt Quito (Sierra) im Clinch miteinander, schwächen Forderungen nach Dezentralisierung und Autonomie das Staatsgefüge.

      Der Bürgerkrieg im benachbarten Kolumbien zieht das Land am Äquator zunehmend in Mitleidenschaft, Tausende Flüchtlinge und Guerilla-Angehörige flüchteten nach Ecuador. Das Militär ist ein politisch gewichtiger Faktor. Ein unberechenbarer: Indem es den Präsidenten Jamil Mahuad 2001 und Gutiérrez 2005 die Unterstützung versagte, trug es nicht unwesentlich zu deren Sturz bei.

      Die Wirtschaftsdaten des Landes scheinen auf den ersten Blick Anlass zu Optimismus zu bieten: Das Wachstum lag 2005 bei drei Prozent, die Inflationsrate bei zwei. Aber Armut - 45 Prozent der Bevölkerung leben unter dem Existenzminimum - und soziale Ungleichheit bleiben Riesenprobleme. Als Erdölexporteur profitiert Ecuador vor allem vom derzeit hohen Weltmarktpreis, hängt aber dadurch auch in hohem Maße von der weiteren Preisentwicklung ab.
      Das absolute Wissen führt zu Pessimismus; die Kunst ist das Heilmittel dagegen.
      Friedrich Nietzsche (1844-1900), dt. Philosoph


      Peru - Erstes Video vom dritthöchsten Wasserfall der Welt (23.03.2006)

      Sagen und Legenden ranken sich um ihn: Gocta, der dritthöchste Wasserfall der Welt, stürzt über 770 Meter in die Tiefen des peruanischen Regenwaldes.

      Nun konnte erstmals ein Kamerateam bis zu dem verwunschenen Wasserfall vordringen.

      Sie ist blond, schön und sie sitzt auf einem Topf voller Gold: Eine Sirene haust im dritthöchsten Wasserfall der Welt und verscheucht alle Neugierigen. Unterstützt wird die attraktive Sagengestalt von einer Riesenschlange - als gigantische Leibwächterin. So zumindest erzählen es sich die Gocta, die Einwohner der Amazonasregion in der peruanischen Provinz Chachapoyas, 700 Kilometer nordöstlich der Hauptstadt Lima.

      Als Beweis der mystischen Geschichte ragt ein einzelner grauer Fels in den wuchernden Regenwald. Das sei Juan Mendoza, ein Dorfbewohner, verzaubert von der hexenden Sirene, erklären die Gocta. Es sind Legenden wie die des Juan Mendoza, die dafür gesorgt haben, dass der Wasserfall so lange von der Weltöffentlichkeit unentdeckt geblieben ist.

      Stefan Ziemendorff hat sich von der Sirenen-Sage jedoch nicht abhalten lassen. Zusammen mit einem peruanischen Forschungsteam hat der 32-jährige Deutsche bereits vor vier Jahren den verwunschenen Wasserfall inmitten eines Naturreservats entdeckt - und vermessen: Aus 771 Metern Höhe stürzen die Wassermassen in die Tiefe, mehrere Millionen Liter pro Sekunde.

      Touristenschwemme im Naturreservat

      Damit stellt der Gocta, der nach der Bevölkerungsgruppe der Region benannt wurde, alles auf den Kopf: Bisher rangierten die Yosemite Falls im amerikanischen Yosemite-Nationalpark auf dem dritten Platz in der Liste der höchsten Wasserfälle der Welt. Doch Gocta schlägt seinen amerikanischen Konkurrenten um 32 Meter. "Allerdings mit einem Messfehler von 13,5 Meter nach oben oder unten", betont Ziemendorff.

      Für die Top-Position hat es ohnehin nicht gereicht: Der höchste Wasserfall der Welt ist der "Salto del Angel" in Venezuela mit 972 Metern, die "Tugela Falls" in Südafrika belegen den zweiten Platz mit 948 Metern. Trotzdem hoffen die Bewohner der peruanischen Provinz nun auf einen Strom von Touristen, berichtet die spanische Zeitung El Pais. Dafür fordern sie Unterstützung von der Regierung, die für asphaltierte Straßen zum Wasserfall sorgen soll.

      Dass die blonde Sirene des Gocta mit dem künftigen Wasserfall-Sightseeing einverstanden ist, darf jedoch bezweifelt werden.
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      Friedrich Nietzsche (1844-1900), dt. Philosoph


      Kuba: Castro stürzt Kuba in die Rumkrise (23.03.2006)

      Der kubanische Revolutionsführer rudert zurück.Vor genau einem Jahr hatte Präsident Fidel Castro das Ende der 300jährigen Geschichte der Zuckerinsel Kuba ausgerufen.

      Nach dem Zerfall der Sowjetunion war der größte und verlässlichste Abnehmer des kubanischen Zuckers weg gefallen und die Produktion des weißen Goldes auf der größten Antilleninsel Jahr für Jahr zurückgegangen.

      Vor wenigen Tagen musste der ergraute Revolutionsführer erkennen, dass er das Ende zu früh proklamiert hatte. Weil in den vergangenen Monaten die Zuckerpreise auf dem Weltmarkt gestiegen sind, will Kuba seine früheren Zuckerrohrfelder rasch wieder rekultivieren. Denn: Wegen des Zuckermangels ist auch die Produktion dem Rums eingebrochen.

      Castro rudert zurück

      «Dieses Land wird niemals wieder vom Zucker leben.» Mit dieser grundsätzlichen Feststellung hatte Castro im März des vergangenen Jahres seine Landsleute überrascht. «Diese Kultur gehörte in die Zeit der Sklaverei und in die Zeit eines Volkes voll von halben Analphabeten», hatte er erklärt. Die wirtschaftliche Zukunft gehöre den Dienstleistungen und den Produkten mit größerem Wert - vor allem dem Öl.

      Diese Erkenntnis soll nun so nicht mehr gelten. Die Kubaner müssen wieder zurück in die von Castro gerade verteufelten Zeiten. Nach Angaben des Zuckerministers, Ulises Rosales del Toro, wurde in der vergangenen Woche die Zuckerproduktion von 7000 auf 14.000 Tonnen verdoppelt.

      «Stimulierend» für die Ausweitung sei eine von Castro geleitete Sitzung der Regierung und der Kommunistischen Partei im Februar gewesen, sagte der Minister. Dort forderte der kubanische Präsident rasches Handeln. Alle Mittel sollten auf die Zuckerrohrernte konzentriert werden, berichtete das Parteiorgan «Granma».

      Kubaner beklagen Rum-Mangel

      Laut Plan will Kuba 2006 insgesamt 1,5 Millionen Tonnen Zucker herstellen (2003: 2,5 Millionen Tonnen), davon 700 000 Tonnen für den eigenen Gebrauch. Doch ob das zu schaffen sein wird, ist nach Meinung von Experten fraglich. Die Zuckerfabriken sind veraltet und teilweise in einem ruinösen Zustand. Im Rahmen der Umstrukturierung wurde seit 2002 die Hälfte der Anlagen stillgelegt, 62 Prozent der Flächen für den Anbau anderer Kulturen verwendet und 120.000 Arbeiter umgeschult.

      In den guten alten Zeiten hatte die Zuckerindustrie rund 500.000 Arbeitern ein Auskommen gegeben, insgesamt lebten rund zwei Millionen Menschen von ihr. In den 70er und 80er Jahren des vergangenen Jahrhunderts wurden im Schnitt pro Jahr sieben Millionen Tonnen produziert, in den 90er Jahren sank die Produktion auf vier Millionen Tonnen, und 2003 erbrachte die Zuckerernte nur noch 2,5 Millionen Tonnen.

      Eine besonders empfindliche Folge des Niedergangs der Zuckerindustrie haben die Kubaner bereits zu spüren bekommen: Wegen des Mangels an aus Zucker hergestelltem Alkohol herrsche nun auch Mangel an Rum, berichtete die Wochenzeitung der Gewerkschaften «Trabajadores». Im Januar 2006 waren nur 248.000 Liter des Nationalgetränks in Havanna verkauft worden, rund 200.000 Liter weniger als im Jahr zuvor. «Die Konsumenten hoffen auf eine schnelle Lösung des Problems», hieß es.
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      Friedrich Nietzsche (1844-1900), dt. Philosoph


      KUBA: Habana - zur Architektur- und Stadtgeschichte (30.03.2006)

      Havanna allein ist schon eine Reise nach Kuba wert. Die lebenslustige, farbige Metropole, die auf eine fast 500jährige Geschichte zurückblicken kann, bietet ihren Besuchern architektonische Schmuckstücke aus der Kolonialzeit und vielen anderen Bauepochen.

      Wirtschaftlich und kulturell war Havanna über Jahrhunderte der Kreuzungspunkt zwischen Amerika und Europa sowie zwischen Nord- und Südamerika.

      Havanna hat aktiv an allen wichtigen Architekturströmungen teilgenommen und bewahrt sie unter sehr besonderen Bedingungen:

      Das Umland bot ohne größere Hindernisse Platz für Stadterweiterungen in verschiedene Richtungen. Dadurch kam es zu keinem Ersetzungs- bzw. Erneuerungsprozess in den zentralen Altstadt-Gebieten.

      In den Stadtgebieten kam es nie zu Kriegen oder Bürgerkriegen, die zu massiven Zerstörungen führten. Die Verhinderung jeglicher spekulativer privater Bautätigkeit in den letzten 45 Jahren hatte außerdem zur Folge, das es einerseits kaum zu Substitutionen von Alt- durch Neubauten kam andererseits wurde aber der Verfall der Gebäudesubstanz begünstigt.

      Diese Rahmenbedingungen ermöglichen dem Besucher, heute eine Stadtarchitektur zu studieren, die die Jahrhunderte fast unberührt überstanden hat. Havanna wird deshalb zu einer der wichtigsten Architekturschätze der Welt gezählt. Das historische Zentrum wurde 1982 von der UNESCO zum Weltkulturerbe erklärt und wird seit einigen Jahren unter der Leitung des "Historiador de La Ciudad" Eusebio Leal Spengler saniert.
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      VENEZUELA: Chavez will Truppen auf "Widerstandskrieg" gegen die USA vorbereiten (30.03.2006)

      Der venezolanische Präsident Hugo Chavez will die Streitkräfte seines Landes auf einen möglichen Krieg gegen die Vereinigten Staaten vorbereiten.

      Die Soldaten müssten das Konzept des "asymmetrischen Krieges" beherrschen, bei dem Guerilla-Taktiken eingesetzt werden, um einen stärkeren Gegner zu bezwingen, sagte Chavez am Sonntag. Er warnte US-Präsident George W. Bush vor einem Angriff auf Venezuela.

      "Er würde ins Gras beißen", erklärte Chavez. "Wir sind bereit, dieses Land mit allen Mitteln zu verteidigen." Die neue Strategie der Streitkräfte müsse sich an den Helden der Revolution orientieren, die das Land einst von spanischer Herrschaft befreit hätten. Er erinnerte daran, wie der kubanische Präsident Fidel Castro einst die US-Truppen aus der Schweinebucht vertrieb.

      "Fidel Castro ist ein Meister des Widerstandskrieges", sagte Chavez. Die USA haben Anschuldigen des venezolanischen Präsidenten, sie planten einen Angriff auf das Land, wiederholt zurückgewiesen.
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      KUBA: Che Guevaras Tochter erklärt das Leben in Kuba (30.03.2006)

      Die 45-jährige Kinderärztin im Rhein-Main-Raum unterwegs -
      «Es geht auch ohne Fidel weiter»


      Probleme in Job oder Liebe bespricht Aleida Guevara March schon mal mit Fidel Castro. Der kubanische Staatschef spielt im Leben der Tochter des Revolutionärs Che Guevara eine zentrale Rolle. «Er war meine nächste Vaterfigur. Ich würde gern noch mehr Zeit mit Fidel verbringen.

      «Aber er arbeitet sehr viel», sagt die 45-jährige Kinderärztin. Mit glühenden Augen und großer Gestik lobt die überzeugte Kommunistin ihren 1967 erschossenen Vater sowie den 79-jährigen Máximo Lider Castro und das kubanische Regime.

      Bis zum kommenden Montag besucht Aleida Guevara das Rhein-Main-Gebiet.

      Stets hat der argentinisch-kubanische Revolutionär Ernesto Che Guevara den Kapitalismus bekämpft - doch mit der Vermarktung seines Gesichtes wird längst weltweit Kasse gemacht.

      Sein Konterfei ziert T- Shirts und Telefonkarten, Zigarettenschachteln und Feuerzeuge, Uhren und Unternehmensanzeigen. Alberto Kordas Foto vom Che mit melancholischem Gesichtsausdruck und einem Barett mit rotem Stern ist unzählige Male um die Welt gegangen. Sein früher Tod mit 39 Jahren hat ihn unsterblich gemacht.

      Zuvor hatte Guevara zusammen mit Castro und anderen Kampfgenossen den Diktator Fulgencio Batista aus Kuba vertrieben. Diesen Erfolg wollte der Revolutionär mit Medizinstudium auf Bolivien übertragen - doch dort erschoss ihn das Militär.

      «Meine Mutter war damals so in Tränen aufgelöst, wie ich sie noch nie gesehen hatte», erzählt Aleida Guevara, das älteste der vier Kinder aus der zweiten Ehe des Revolutionärs. Das Mädchen war damals sechs. «Mama hat ihn so wahnsinnig geliebt, wie es kein Romancier beschreiben kann.» Aleida March trug ihrer Tochter die Abschiedszeilen ihres Ehemannes vor: «Wenn ihr diesen Brief lest, werde ich nicht mehr leben.» Das Ende hieß: «Einen dicken Kuss von Papa.»

      Bei aller Trauer habe die Familie nach vorne geblickt, erzählt Aleida Guevara weiter: «Wir Kinder versprachen unserer Mutter, dass sie auf uns stolz sein kann.» Fortan begleitete sie der Mythos eines Volkshelden. Dennoch habe die Familie keine Privilegien genossen. «Da war meine Mutter strikt dagegen. Wir sollten wie alle kubanischen Kinder aufwachsen - auch in den siebziger Jahren, als es eine Zeit lang nicht mal Unterwäsche zu kaufen gab.»

      Aleida absolvierte eine Militärausbildung, studierte Medizin und leistete humanitäre Hilfe in Nicaragua. Seit vielen Jahren arbeitet die Mutter zweier Töchter (15 und 17) im Kinderkrankenhaus William Soler in Havanna.

      Deutschland besucht die lebhafte Frau mit den großen braunen Augen und dem breiten Lächeln bereits zum vierten Mal. In Wiesbaden und Mainz hält Aleida Guevara Vorträge über ihre Heimat. Zudem informiert sie sich über das hiesige Gesundheitswesen. Der Mainzer Allgemein- und Hautarzt Gunther Schwarz sagt: «Das Fachgespräch mit ihr ist sehr interessant. Kubas Gesundheitssystem hat einen guten Ruf.

      Zum Beispiel ist die Säuglingssterblichkeit dort die niedrigste in Lateinamerika.» Schwarz will mit Aleida Guevaras Unterstützung einen Austausch von Medizinstudenten und Ärzten zwischen Mainz und Havanna ins Leben rufen.

      Bei politischen Fragen ist Che Guevaras Tochter nie um eine Gegenfrage verlegen - oft unter Hinweis auf die USA, die Kuba seit Jahrzehnten mit einem Embargo in die Knie zwingen wollen. Ein zu autoritäres Regime in Kuba?

      «Und wie sieht die Demokratie der USA im Irak aus?», fragt die Kinderärztin zurück. Inhaftierung von Regimegegnern? «Und was ist mit den Gefangenen im US-Lager Guantánamo?» Viele kubanische Bootsflüchtlinge?

      «Und warum locken die USA uns mit Startgeld, Wohnungen und Arbeitsplätzen an?» Auf die Frage nach Kubas Zukunft nach Castros Tod schließlich antwortet Aleida Guevara: «Im Volk gibt es eine Überzeugung, dass es auch ohne ihn weitergeht. Wir wollen nie ein kapitalistisches Anhängsel der USA werden.»
      Das absolute Wissen führt zu Pessimismus; die Kunst ist das Heilmittel dagegen.
      Friedrich Nietzsche (1844-1900), dt. Philosoph


      KUBA: Castros Geheimnisse (30.03.2006)

      Er hat zehn US-Präsidenten und angeblich mehrere hundert Attentatsversuche überlebt.


      Im August dieses Jahres wird er 80 Jahre alt. Und wenn auch immer wieder die exilkubanische Gemeinde in Miami sein mutmaßliches Ableben feiert, Fidel Castro, der seit der Revolution 1959 das karibische Eiland regiert, macht dem Spruch "Totgesagte leben länger" alle Ehre.

      Ein Zufall ist das nicht. Die Sicherheitsvorkehrungen sind gewaltig. So kutschiert Castro in einem Konvoi identischer, schwarzer Limousinen der Marke Mercedes Benz durch Havanna. Er schläft angeblich weiterhin fast täglich in einem anderen Bett und ist von einer Phalanx muskulöser Leibwächter umgeben.

      Dass er jedoch das Zigarrenrauchen nach einem Vergiftungsversuch durch den US-Geheimdienst CIA aufgegeben habe, ist eine Mär. Daran ist eine Anti-Raucher-Kampagne Schuld. Keine Mär sind jedoch die neuesten Enthüllungen, die die Exilgemeinde in den USA faszinieren.

      Ein ehemaliger Handlanger und Leibwächter Castros, Delfin Fernandez, hat sich dort gerade niedergelassen und wäscht schmutzige Wäsche. Im wahrsten Sinn des Wortes. Nach Fernandez eloquenten Schilderungen werde Castros Unterwäsche nicht gewaschen, sondern verbrannt - um Versuche zunichte zu machen, ihn durch die Zugabe giftiger Chemikalien bei der Wäsche langsam ins Jenseits zu befördern.

      Es ist eines der "Geheimnisse", die die mehrere Millionen Menschen starke Diaspora, von Castro auch "gusanos" (Würmer) genannt, liebt. Ebenso wie die Schilderungen von "Otto" (Fernandez Code-Name), dass er einmal nach Spanien geschickt wurde, um dort für Castro geräucherten Schinken für 2500 Dollar einzukaufen.

      Nachrichten von der Insel machen in Florida schneller die Runde als ein Buschfeuer. In letzter Zeit ging es vor allem um die Gesundheit des Diktators und die Frage des Danach: Wird der Verteidigungsminister und Castro-Bruder Raul das Kommando im Fall der Fälle übernehmen?

      Ein Dauerthema sind auch Vermögen und Alltag des Mannes, dessen Lebensstil im Gegensatz zu anderen sozialistischen Staatschefs eher wenig Schlagzeilen macht.

      Nicht einmal über die Zahl von Castros Ehefrauen und Kinder gibt es Exaktes.

      Diese Geheimnistuerei hilft Dissidenten wie Fernandez, der zuvor als Bodyguard in Spanien arbeitete. Ihm selbst gelang die Flucht von der Insel bei einem Trip nach Europa, als er die Tochter von Raul Castro begleitete und einen Rottweiler für den greisen Revolutionsführer in Deutschland abholte.

      Nun wartet der 44-Jährige in Miami auf die US-Aufenthaltsgenehmigung und schmiedet Pläne für seinen Lebensunterhalt, sollten die Geschichten aus dem kubanischen Nähkästchen erschöpft sein. Er möchte, nicht besonders überraschend, ein Business für Leibwächter aufziehen.
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      Friedrich Nietzsche (1844-1900), dt. Philosoph


      KUBA: USA sagen Fidel Castro baldigen Tod voraus (06.04.2006)

      Der kubanische Staatschef Fidel Castro wird wegen seiner immer schwächer werden Gesundheit in den kommenden vier Jahren sterben, prognostizieren Vertreter der Administration George Bush nach Angaben der Zeitschrift "U.S. News and World Report".

      Als Ursache für den schlechten Gesundheitszustand des 79-jährigen Castro haben sie die Parkinson-Krankheit ausgemacht. "Die Krankheit hat schon das Stadium überschritten, in dem sie unter Kontrolle gehalten werden konnte", zitiert die Zeitschrift einen namentlich nicht genannten Vertreter der US-Regierung, der die Situation in der Kuba verfolgt.

      Die Gerüchte, Castro leide an der Parkinson-Krankheit, waren noch im November vergangenen Jahres in den USA in Umlauf gebracht worden, nachdem ein geheimer CIA-Bericht in die Presse gedrungen war. Dem Bericht zufolge soll sich Castros Zustand in der nächsten Zeit deutlich verschlimmern.

      Damals widerlegte Castro die Behauptungen der US-Experten persönlich. In einer fünf Stunden langen Rede vor Studenten und Lehrkräften der Universität von Havanna sagte Castro: "Die Feinde Kubas haben mich mehrmals zu Grabe getragen. Jetzt sitzt die CIA mit ihrer Diagnose wieder tief in der Patsche."

      Der BBC-Korrespondent in Havanna stellte damals fest, dass Castro seine ganze Rede im Stehen hielt und niemals den logischen Faden verlor.

      Fidel Castro: Lebenslauf

      Fidel Castro Ruz, Vorsitzender des Staatsrats und des Ministerrats von Kuba, erster Sekretär des ZK der Kommunistischen Partei Kubas, wurde am 13. August 1926 (laut einigen Quellen 1927) in der Provinz Oriente in der Familie eines Großgrundbesitzers geboren. 1949 schloss er sein Jura-Studium an der Universität von Havanna ab und promovierte zum Doktor der Rechtswissenschaften.

      Einige Zeitlang war Castro als Rechtsanwalt tätig. Anfang der 1950er Jahre schloss er sich der Orthodoxen Partei an. 1952 nominierte ihn die Partei zum Kandidaten für die Wahlen zum Nationalen Kongress Kubas. Doch der Staatsstreich, der im März 1952 von General Fulgencio Batista angeführt wurde, und die darauf folgende Errichtung der Diktatur ließen die Wahlen ausfallen.

      Im Kampf gegen die Diktatur fiel die Orthodoxe Partei allmählich auseinander. Castro konnte eine Gruppe seiner Mitstreiter um sich versammeln. Die Gruppe bereitete sich darauf vor, die Diktatur von Batista zu stürzen.

      Am 26. Juli 1953 erstürmte die Gruppe die Moncada-Kaserne in Santiago de Cuba. Die Revolte wurde grausam niedergeschlagen. Fidel Castro wurde vor Tribunal gestellt. In seiner Verteidigungsrede sprach er seinen berühmt gewordenen Satz: "Die Geschichte wird mich freisprechen!" und kritisierte scharf das blutrünstige Regime des Diktators Batista.

      Zugleich stellte er ein Programm des nationalen Befreiungskampfes und der revolutionären Wandlungen auf Kuba vor. Castro wurde zu 15 Jahren Haft verurteilt, kam aber auf wachsenden Druck der Bevölkerung schon im Mai 1955 im Rahmen einer Amnestie frei. Im gleichen Jahr wanderte Castro nach Mexiko aus.

      Im Dezember 1956 kam eine von Castro angeführte Gruppe von Revolutionären mit der Yacht "Granma" nach Kuba. Mit der Zeit wuchs die Gruppe in eine Rebellenarmee hinüber und entfesselte einen Guerillakampf gegen das Regime von Batista.

      Nach dem Sieg der Revolution und dem Niedergang der Diktatur von Batista übernahmen demokratische Kräfte am 1. Januar 1959 die Macht auf der Insel. Diese schlossen sich um die von Castro geführte Rebellenarmee zusammen. Im Februar 1959 wurde Castro Premierminister der Revolutionsregierung der Republik Kuba.

      Nach dem Einfall der US-Söldner in Kuba (Playa Giron) im April 1961 führte Castro den Einsatz gegen die Interventen. Am 16. April 1961 erklärte Castro, dass die kubanische Revolution ihrem Charakter nach sozialistisch gewesen war.

      Seit Oktober 1965 ist Castro der erste Sekretär des Zentralkomitees (ZK) der Kommunistischen Partei Kubas. Er ist seit 1963 Ehrendoktor der Rechtswissenschaften der Moskauer Lomonossow-Universität. 1961 erhielt er den Internationalen Lenin-Preis "Für Stärkung des internationalen Friedens". 1963 wurde Castro der Ehrentitel "Held der Sowjetunion" und 1972 der Lenin-Orden zuerkannt.

      Am 8. März 2003 erhielt der kubanische Staatschef das Ökumenische Kreuz des Nonnenordens Santa Brigida. Castro bekam Auszeichnung in Havanna aus den Händen der Vorsteherin dieses religiösen Ordens, der im 14. Jahrhundert in Schweden gestiftet wurde. Somit wurden seine "Verdienste um die Durchsetzung der hohen Ideale des Dialogs und des Friedens" geehrt.

      Die Überreichung des Kreuzes fiel mit der Eröffnung einer Residenz des Ordens des Allerheiligsten Erlösers Santa Brigida in der Altstadt von Havanna zeitlich zusammen (zurzeit sind auf Kuba 53 weibliche und 22 männliche katholische Orden vertreten, von denen 20 sich in den zurückliegenden zehn Jahren dort niederließen).

      Am 31. August 2003 zeichneten die nordamerikanischen Indianer Castro für seine "revolutionären Verdienste und kämpferischen Eigenschaften" mit der "Adlerfeder" aus. Mit dieser höchsten Auszeichnung der Stammvölker der Vereinigten Staaten von Amerika werden Menschen geehrt, die ihre Tapferkeit, Würde und Ehrlichkeit nachgewiesen haben. Zum ersten Mal wurde die Auszeichnung einem Menschen noch zu Lebzeiten verliehen. Zum ersten Mal ging sie an einen Menschen, der außerhalb der USA geboren wurde. Sonst hat kein anderer Staatschef der Welt die "Adlerfeder".

      Castro war mit Mirta Díaz Balart verheiratet, jetzt ist er geschieden und hat sieben Kinder. Seit dem Amtsantritt Castros hat es über 600 Mordanschläge gegen ihn gegeben. Sie alle fielen entweder in letzter Minute aus oder wurden von kubanischen Geheimdiensten vereitelt.

      Der US-Kongress gab zu, dass hinter acht Attentatsversuchen die CIA steckte. Die Palette der eingesetzten Mittel reichte von Überfall bei der Unterwasserjagd über Gift in Zigarren bis zu Kleinpistolen, eingebaut in eine Reporterkamera. Nach einem ganz heimtückischen Plan sollten gegen Castro sogar Haarausfall bewirkende Chemikalien eingesetzt werden. Der Ausfall von Haaren und des legendären Vollbartes würde laut Granma-Zeitung dem Image des Führers schaden.

      Mitte November 2005 drang ein geheimer CIA-Bericht in die Öffentlichkeit, laut dem der kubanische Staatschef seit 1998 an der Parkinson-Krankheit leiden soll. Dem Bericht zufolge soll sich Castros Zustand in der nächsten Zeit deutlich verschlimmern.

      Gerüchte über Krankheiten des 79-jährigen kubanischen Staatschefs kursieren übrigens schon seit langem. Im Oktober 2005 fiel die vorher geplante Rede Castros bei einem Gipfel in Spanien aus. Damals dementierten kubanische Behörden die Berichte über seinen schlechten Gesundheitszustand.

      Fidel Castro protzt mit seiner Gesundheit. 2004 stolperte er nach einer öffentlichen Ansprache, fiel zu Boden, brach sich einen Arm und verletzte sich am Knie stark. Die darauf folgende dreistündige Operation hielt er ohne Vollnarkose durch, um dann vor dem Volk zu erklären, dass die Leitung des Landes völlig unter Kontrolle gewesen sei.
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      USA: Aufmarsch der Latinos - "Wir schaffen ein neues Amerika" (06.04.2006)

      Massendemos in den USA gegen ein Gesetz, das zwölf Millionen Illegale zu Verbrechern erklären soll.

      Experten erwarten, daß Lateinamerikaner in 30 Jahren die Bevölkerungsmehrheit in den USA stellen werden. Und die Wirtschaft sagt: "Wir brauchen sie . . ."

      Die "Los Angeles Times" nannte es "La Ola Latina", die lateinamerikanische Welle. Doch das war maßlos untertrieben, denn bei dem Aufmarsch von meist illegalen zentralamerikanischen Immigranten, der die "Stadt der Engel" lahmlegte, handelte es sich um nichts Geringeres als die größte Demonstration in den USA seit dem Vietnamkrieg.

      Mindestens 500 000, nach Lesart der Veranstalter sogar mehr als eine Million Demonstranten hatten sich versammelt, um gegen eine drastische Verschärfung der Einwanderungsgesetze zu protestieren. Und sie hatten dies geschafft, ohne daß es zuvor in der örtlichen Presse angekündigt worden war; man hatte sich nur über lateinamerikanische Radiosender und Mundpropaganda verständigt.

      Die Parole der Massen - "Si se puede" (Ja, wir schaffen es) - findet seither nahezu täglich vieltausendfachen Widerhall aus allen Teilen Amerikas, zuletzt an diesem Wochenende aus New York. Und sie ist auch in Washington zu hören. Auslöser für die Wut der Demonstranten ist der Gesetzentwurf des Republikaners James Sensenbrenner, Vorsitzender des Justizausschusses im US-Repräsentantenhaus, der ab sofort alle illegalen Immigranten und obendrein alle, die diesen helfen, als "Verbrecher" einstuft.

      "Wir sind keine Kriminellen, sondern harte Arbeiter" ist während der Großdemonstrationen auf Transparenten zu lesen. Saul Corona, ein Student, sagt entrüstet: "Los Angeles ist mit dem Schweiß und den Tränen meines Vaters und meines Großvaters gebaut worden, und jetzt wollen sie uns rausschmeißen. Niemals!"

      Wenn es nach dem ultrakonservativen James Sensenbrenner und der Mehrheit im US-Repräsentantenhaus geht, dann sollen alle Illegalen über die Grenze nach Mexiko abgeschoben oder ins Gefängnis gesteckt werden. Beides scheint nicht sonderlich praktikabel, wenn man bedenkt, daß sich in den USA zur Zeit etwa zwölf Millionen Einwanderer ohne gültige Arbeitspapiere aufhalten.

      "Das sollen sie doch einmal probieren", meint Phillip Rodriguez, ein bekannter Regisseur, dessen jüngster Film "Los Angeles Now" gerade für Aufsehen sorgte. Rodriguez, dessen Großeltern als arme Bauern um die Jahrhundertwende aus Mexiko nach Los Angeles kamen, fügt noch lachend hinzu: "Wir fürchten uns nicht mehr und lassen uns auch nicht mehr länger herumschubsen."

      Unter den Demonstranten herrscht meist eine bemerkenswerte Gelassenheit. Als Zeichen ihrer Friedfertigkeit tragen fast alle weiße Hemden. Diana Hernandez, eine Lehrerin an einer fast nur von Latinos besuchten Grundschule, versteht die ganze Aufregung der "Weißen" nicht. "Die USA sind ein Land, das erst durch Einwanderer zur Weltmacht geworden ist, warum sollen wir plötzlich nicht mehr hier leben und arbeiten dürfen?"

      Das ist durchaus eine berechtigte Frage. Nach den heutigen Gesetzen waren auch jene 102 "Pilgrims", die 1620 mit der "Mayflower" von England aus an die Nordostküste Amerikas segelten, illegale Immigranten, nur mit dem Unterschied, daß ihnen niemand untersagte, im "Gelobten Land" zu leben, und sie heute als Urväter der USA verehrt werden.

      170 Jahre später wurde per Gesetz festgelegt, daß "jede fremde, weiße Person einreisen und ein Bürger der Vereinigten Staaten werden darf". 1924 schränkte erstmals ein Gesetz die Einreise von Immigranten ein, später legte man Quoten für einzelne Länder fest. 1968, auf der Höhe der Bürgerrechtskämpfe, wurde beschlossen, daß Immigranten nicht wegen Rasse, Geschlecht oder Religion diskriminiert werden dürfen.

      Als 1986 das Problem der illegalen Zuwanderer aus lateinamerikanischen Ländern, ähnlich wie heute, zu hitzigen politischen Diskussionen in Washington führte, erließ der damalige Präsident Ronald Reagan kurzerhand eine Generalamnestie für alle rund 1,2 Millionen illegalen Immigranten und gab jedem eine Arbeitserlaubnis.

      Das würde auch sein politischer Enkel George W. Bush gern tun. Schließlich gaben ihm 45 Prozent aller Lateinamerikaner mit einem US-Paß bei seiner Wiederwahl 2004 ihre Stimme. Wohl wissend, daß er keine Chance hat, eine Generalamnestie à la Reagan für die zwölf Millionen Illegalen durchzusetzen, fordert der Präsident, daß sie zumindest eine temporäre Arbeitserlaubnis bekommen und sich nach zwei Jahren um eine Daueraufenthaltsgenehmigung bewerben können.

      Erschwert wird die Diskussion dadurch, daß in den Anfang November Parlamentswahlen stattfinden, und viele Abgeordnete sehr viel mehr an ihrer Wiederwahl als an einer dauerhaften Lösung des Immigrantenproblems interessiert sind. Nicht wenige Wähler sehen in den Einwanderern Leute, die ihnen ihre Arbeitsplätze wegnehmen; folglich werden sie ihre Stimme jenen Kandidaten geben, die sie vor der Immigrantenflut schützen.

      Nun hat sich in ungewohnter Schärfe auch noch die Katholische Kirche der USA in Person von Kardinal Roger Mahony in die Diskussion eingeschaltet; er rief die Mitglieder zum zivilen Ungehorsam auf, indem er ihnen erlaubte, illegalen Immigranten zu helfen. Um eine weitere Eskalation zu vermeiden, präsentierte der Senat jetzt ein Modell, wonach illegale Einwanderer, die sich am 7. Januar 2004 in den USA aufhielten, gegen Zahlung einer Strafe von 1000 US-Dollar und einer polizeilichen Überprüfung eine Aufenthaltsgenehmigung bekommen, wenn sie einen Arbeitsplatz nachweisen können.

      Nach sechs Jahren sollen sie gegen Zahlung von weiteren 1000 Dollar und den Nachweis, daß sie Englisch sprechen können, den Antrag auf die amerikanische Staatsbürgerschaft stellen dürfen. Ob dieser Entwurf die Lage entspannen wird, ist fraglich.

      Unter Wirtschaftsexperten gibt es nur wenige, die die zwölf Millionen Illegalen gern wieder zurück in ihre Heimatländer schicken würden. Für Tom Donohue, Präsident der US-Handelskammer, war das "eine grenzenlose Dummheit. Wir brauchen diese Leute unbedingt für all die Jobs, die Amerikaner nicht machen wollen." Man rechnet, daß in Kalifornien 70 Prozent der Arbeiten in der Landwirtschaft von Lateinamerikanern verrichtet werden.

      Viele US-Bürger - besonders im Norden und Nordosten der USA, die von den "Einwanderer-Staaten" Kalifornien, Arizona, New Mexico, Texas und Florida weit entfernt liegen - haben das Ausmaß der Latino-Revolution noch gar nicht mitbekommen. Experten gehen davon aus, daß Latinos in 30 Jahren die größte Bevölkerungsgruppe in den Vereinigten Staaten stellen werden. Immer mehr Einwanderer aus dem Süden werden in wichtige politische Ämter gewählt. Auch Los Angeles hat seit kurzem mit Antonio Villaraigosa einen Oberbürgermeister lateinamerikanischer Abstammung. Kein Zufall, wenn man weiß, daß die ehemals "weißeste" Großstadt Amerikas heute einen Latino-Anteil von 49 Prozent hat.

      Für Regisseur Phillip Rodriguez (44) ist der derzeitige Wandel in Los Angeles ein klarer Beweis für eine grundlegende Veränderung Amerikas und seiner Gesellschaft. Er sagte dem Abendblatt: "Wir schaffen gerade in Los Angeles ein neues Amerika. Hier können die Leute schon heute beobachten, wie vermutlich ganz Amerika in 30 bis 50 Jahren aussehen wird. Es ist eine aufregende, historische Zeit."
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      USA: Hoy marchamos, mañana votamos (13.04.2006)

      Die Latinos als größte Einwanderergruppe klopfen mit aller Macht an die Türen des etablierten Amerika


      "Heute marschieren wir, und morgen wählen wir", skandierten Zehntausende in Washington DC, nachdem ein Sprecher des Latino-Arbeiterzentrums Casa de Maryland verkündet hatte: "Dies ist erst der Beginn der Bewegung." Er wird wohl recht behalten.

      Denn was sich am Montag nicht nur in Washington, sondern in mehr als 100 Städten und Gemeinden beim National Day of Action for Immigrant Justice mit Hunderttausenden von Teilnehmern abspielte, überraschte in seiner Massivität Medien, Politik und auch wohlwollende Beobachter.

      Nach den Massendemonstrationen vor zwei Wochen gingen am Montag in den USA erneut Hunderttausende für die Rechte von Einwanderern auf die Straßen. Der Hintergrund für die Beharrlichkeit von "Illegalen" sowie Inhabern von Arbeitsgenehmigungen, Studierenden und US-Bürgern, sich einen weiteren Tag für eine Demonstration freizunehmen, ist angesichts der im ganzen Land stattfindenden Debatte um ein Immigrationsreformgesetz der US-Senat.

      Denn dort hat sich hat sich weder eine klare Mehrheit gefunden, noch ein Kompromissvorschlag durchgesetzt Der Senat befindet sich inzwischen im Osterurlaub und wird in eineinhalb bis zwei Wochen erneut beraten.

      Was auch immer dann beschlossen wird, muss mit der Vorlage des Repräsentantenhauses, dem H.R. 4437: Border Protection, Antiterrorism, and Illegal Immigration Control Act of 2005 abgeglichen werden.

      Die Maßnahmen, die darin gefordert werden, sind massiv und reichen von der Errichtung eines 700 Meilen langen Zauns als "Grenzsicherung" mit Mexiko bis zur Ahndung der illegalen Einwanderung als Verbrechen und Gefängnisstrafen für den Beistand von "undocumented workers". Statt von der Legalisierung des Status von schaetzungsweise 11 bis 12 Millionen Einwanderern ohne Papiere ist ihrer Abschiebung die Rede.

      Die ungewöhnlich großen Zahlen der Demonstrationsteilnehmer - gestern waren es allein in Phoenix, Arizona mehr als 100.000, am Sonntag über eine halbe Million in Dallas, Texas - gehen auf die Organisationsfähigkeiten eines losen Bündnisses aus Kirchengemeinden, Gewerkschaften, Studenten, örtlichen "community agencies" und nicht zuletzt spanischsprachigen Medien zurück.

      Die katholische Kirche will ihre Schäfchen nicht nur beieinanderhalten, sondern für Zuwachs sorgen. Als beispielhaft für interkonfessionelle Zusammenarbeit gilt das religiöse Bündnis das sich an der Südgrenze der USA um "Illegale" kuemmert.

      Aus dem Gewerkschaftsspektrum tut sich vor allem die 1,8 Millionen starke Dienstleistungsgewerkschaft SEIU hervor, die sich im vergangenen Jahr vom Dachverband AFL-CIO abgespalten hatte und massiv Mitgliederwerbung und -organisierung bei "Illegalen" betreibt. Als "community agencies" gelten die fast 150 aktiven workers centers im ganzen Land, in denen sich undokumentierte Arbeiter und ihre Familienmitglieder Unterstützung und Rat sowie oft auch medizinische Notversorgung holen können.

      Neu ist das Engagement von sonst unauffällig und auf den Kommerzsektor beschränkten Radio-DJs der viel gehörten Latino-Radiosender quer durch die USA. In urbanen Zentren wie Los Angeles, New York und Chicago, die als größte Latinomärkte gelten, sind spanischsprachige Sender seit Jahren keine Ausnahme mehr. Dazu kommen Tages- und Wochenzeitungen wie El Diario , La Raza und La Opinion , die die Berichterstattung über die Immigrationsdebatte und die Demonstrationen seit Wochen an erste Stelle setzen.

      Der Latino-Medienmarkt wächst kontinuierlich. Im Fernsehbereich steht der hispanische Gigant Univision mit 62 Fernsehsendern, die 98 Prozent der spanischsprachigen Haushalte in den USA erreichen, an vorderster Stelle. Auf Platz zwei folgt Telemundo . Die nächste Station, die die Aktivisten anpeilen, ist der 1. Mai, der zum Streiktag der Immigranten erklärt werden soll.

      On May 1, we are calling No Work, No School, No Sales, and No Buying, and also to have rallies around symbols of economic trade in your areas (stock exchanges, anti-immigrant corporations, etc.) to protest the anti-immigrant movements across the country.

      Es gehe um nicht mehr und nicht weniger als Amnestie und Würde für die "Illegalen", heißt es in dem Streikaufruf .
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      Friedrich Nietzsche (1844-1900), dt. Philosoph


      KOLUMBIEN: Indianer produzieren "echte Cola" (13.04.2006)

      Indianer in einem abgelegenen Bergdorf im Süden Kolumbiens brauen neuerdings ein Getränk, das angeblich auf das Ur-Rezept von Coca Cola zurückgeht.


      Es enthält Extrakte aus Koka-Blättern - und soll demnächst landesweit verkauft werden.

      Das Zeug sprudelt und schmeckt nach Zitrone. Und es löscht nicht nur den Durst. Denn Coca-Sek, wie die Indianer ihre Brause nennen, enthält einem Bericht der "Los Angeles Times" zufolge einen Sirup, der aus Koka-Blättern gekocht wird - jener Pflanze, aus der auch Kokain hergestellt werden kann. Der Durst ist weg, die Dröhnung kommt.

      Die Nasa-Indianer verkaufen das Getränk in ihrem eigenen kleinen Ort Inza sowie im Nachbardorf Popayan, wo die berauschende Limonade in Flaschen abgefüllt wird. Zum Jahresende, heißt es in dem Bericht, hoffen die Indianer, Coca-Sek in ganz Kolumbien verkaufen zu können. Zielgruppe seien die Konsumenten von belebenden Getränken wie "Gatorade" oder "Red Bull", heißt es in dem Bericht.

      Doch womöglich wird nichts daraus. Die kolumbianische Regierung, die seit 1999 vier Milliarden Dollar von den USA zur Drogen- und Terrorismusbekämpfung erhalten hat, sieht die Entwicklung der Koka-Pflanze zum Massenkonsumgut kritisch.

      Ein Gesetz erlaubt die Verwendung der Pflanze nur zu traditionellen, nicht aber zu kommerziellen Zwecken. Zudem befürchten die Behörden, durch den kommerziellen Koka-Anbau könnte auch die Drogenproduktion wieder zunehmen.

      Regierung drohte - und zog Drohung zurück

      Die Regierung drohte, die Abfüllanlage in Popayan zu schließen und sämtliche Flaschen zu beschlagnahmen. Doch die Nasa wandten sich an die Vertreter der eingeborenen Stämme, die immerhin 1,2 Millionen Menschen in Kolumbien vertreten. Diese setzten sich für eine Betriebserlaubnis ein. Die Regierung nahm die Drohung zurück - in diesem Jahr wird in Kolumbien gewählt.

      Die Nasa beanspruchen das Recht für sich, die Koka-Limonade sowie andere Koka-Produkte landesweit vermarkten zu dürfen. Seit Jahren produzieren und verkaufen sie - bislang mehr oder weniger heimlich - Kekse, Tee, Wein und Heilsalben aus der Pflanze in ihrer Region. Das Kauen von Koka-Blättern ist in ihrem Stamm - wie bei vielen Indianern - eine alte Tradition.

      Durch das Getränk hoffen die Nasa auf Einnahmen für die rund 4000 Familien ihres Stammes. Sie setzen auf den Vergleich ihres Produktes mit dem des US-Getränkeriesen Coca Cola, das seit 1905 auf die Koka-Pflanze als Zutat verzichtet, sowie auf Unterstützung durch Boliviens neuem Präsidenten Evo Morales, einem früheren Koka-Bauern, der die Herstellung von Koka-Produkten befürwortet.

      "Koka erlaubt es dem Menschen, mit der Natur, und der Natur, mit dem Menschen zu kommunizieren", sagt der Nasa Fabiola Pinacue der "Los Angeles Times". Die großen Getränkeabfüller in Kolumbien sehen das anders. Sie lehnen es ab, Coca-Sek abzufüllen.
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      KOLUMBIEN: Skandal in Kolumbien (13.04.2006)

      Knapp sechs Wochen vor der Präsidentenwahl in Kolumbien bahnt sich ein handfester Skandal an, der Staatschef Álvaro Uribe schon jetzt ins Schwitzen bringt.

      Gegenüber der Zeitschrift Semana berichtet ein früherer Mitarbeiter des Geheimdienstes DAS detailliert über die engen Beziehungen, die DAS-Chef und Uribe-Intimus Jorge Noguera zu Paramilitärs und Drogenbossenin der Karibikregion pflegte.

      Der Informatikexperte Rafael García, der wegen der Manipulation von Ein- und Ausreiseregistern in Untersuchungshaft sitzt, belastet Noguera mehrfach: So habe der DAS Todeslisten von Gewerkschaftern und Oppositionellen angefertigt und an die Paramilitärs weitergeleitet.

      Diego Montoya, einen der mächtigsten Drogencapos Kolumbiens, sei durch Noguera vor einem Informanten in den eigenen Reihen gewarnt worden, behauptet García. Auch an einem "Plan, um die Regierung Venezuelas zu destabilisieren", seien Noguera, weitere Regierungsfunktionäre und der Paramilitär Rodrigo Tovar alias "Jorge 40" beteiligt gewesen, sagt García.

      Vor vier Jahren schließlich habe er selbst einen Wahlbetrug zugunsten von Kongressabgeordneten der Paramilitärs in der Karibikregion mitorganisiert, berichtet der Computerspezialist. Ob Uribe persönlich davon gewusst habe, könne er nicht sagen. "Das", schreibt Semana, die den Betrugsvorwurf durch eigene Recherchen erhärtete, "ist die Millionenfrage."

      Das Thema wird Álvaro Uribe nicht mehr loslassen - bis zur Wahl und darüber hinaus.
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