TANGO in der "Psychologie heute"

      Dieser Artikel über TANGO stand in der Psychologie heute:

      Tangotanzen: Ein Hochgefühl wie bei Verliebten


      Tangotanzen ist "in". Was fasziniert Paare - meist mittleren Alters und gehobener Bildung - plötzlich an den komplizierten Tanzschritten? Handelt es sich um einen Rückfall in alte Zeiten, als Männer noch "harte" Männer und Frauen noch "folgsame" Frauen waren?

      Ich bin ein schlechter Tänzer. Ich ahnte es längst, und in der ersten Kursstunde kommt es raus. Ich bin lang und schlaksig, meine Bewegungen sind unbestimmt, jeder Schritt gerät mir etwas anders als der vorige. Ein schwieriger Fall.

      Erst mal lernen wir gehen. Ich gehe vorwärts und führe Vera, die dabei rückwärts gehen muss. So ist das beim Tango. Vera ist eine füllige, in sich ruhende Hebamme, Ende 40. "Sie geht sehr schön", sagt der Tanzlehrer zu mir, "aber du ..."

      Die Tanzschule nennt sich "Studio für Menschen in Bewegung". Der Leiter, Michael Domke, ist Showtänzer und einer der führenden Tangolehrer in Deutschland. Er ist nicht groß von Statur, untersetzt, schon Mitte 40, aber er hat die Behändigkeit eines jungen Bären. Domke weiß: Tangoanfänger, die ihr Gegenüber fühlen, bekommen manchmal Angst. ,;Wenn sie sich näher kommen, werden die Schritte unsicher. Das kann Abwehr sein oder ein viel zu großer Wunsch."“ Auch in der nächsten Kursstunde lernen wir nichts als gehen. Mein Tanzlehrer sieht mir zu. "Richte dich ganz auf“, sagt er geduldig. "Geh ruhig und entschlossen auf deine Tänzerin zu!"

      Ruhig bin ich nicht, und die Entschlossenheit liegt ganz bei Vera, der Hebamme. Sie setzt genau im Takt der Musik ihre Schritte rückwärts, ich stolpere steif hinterher.
      "Bei Tieren nennen es die Verhaltensforscher freeze, Erstarren", sagt Max Peschek. Der studierte Informatikingenieur arbeitet heute als Körpertherapeut. Nebenbei gibt er Tangostunden. "Tiere erstarren, wenn sie weder fliehen noch kämpfen können. Tangotänzer erstarren, wenn sie sich in die Arme eines Partners begeben, zu dem sie noch kein Vertrauen haben. Dann kommt manchmal die Angst des kleinen Kindes vor übermächtigen Erwachsenen zurück." Auch in der folgenden Kursstunde geht es nur um die einfachsten Dinge. Mein Tanzlehrer verlangt eine Haltung von mir, die mich an Preußens Glanz und Gloria erinnert: Rücken gerade, Brust raus. Ich finde das unbequem, und kaum dass der Lehrer sich umdreht, falle ich in die lässige, coole Haltung zurück, mit der ich bisher mein Leben gemeistert habe. Aber er erwischt mich immer wieder. "In dieser Haltung kannst du die Frau nicht führen", sagt er und schüttelt den Kopf.

      "Führen im Tango, das war für mich eine Lebensschule", erinnert sich Michael Domke. "Ich überlege nicht mehr: Wie hätte sie es denn gerne? Sondern ich entscheide Schritt für Schritt, ich gehe, ich führe." Allerdings nicht mit Gewalt, sondern respektvoll und einfühlsam. Das habe ihm
      gegenüber Frauen ein neues Selbstbewusstsein gegeben, sagt der Tangolehrer.

      In seine Kurse kommen viele Männer, denen das Führen sehr schwer fällt. Die Frauen sind oft beruflich erfolgreich, sehr selbständig, und es widerstrebt ihnen, die eigenen Schritte vom Mann lenken zu lassen. Domke seufzt: "Da ist der Unterricht nicht leicht." Standardtänze haben festgelegte Schrittfolgen" der Tango nur kleine Elemente, die der Mann frei kombinieren muss. "Tango entsteht bei jedem Schritt neu, aber nur, wenn der Mann führt und die Frau aufmerksam mitgeht"", sagt Domke, "und letzten Endes sind Kerle, die sich klar bewegen, den Frauen am liebsten."

      So einer will ich auch sein. Aber es ist so schwer! "Ruder nicht mit den Schultern, du bringst die Frau durcheinander", ruft mir der Tanzlehrer in der nächsten Kursstunde hinterher" als ich Vera an ihm vorbeigeschoben habe, "schreite ruhig und präsent!"

      Ich arbeite dran. Der klare Mann und die aufmerksame, ja hingegebene Frau: aus der Spannung zwischen beiden soll das Tangogefühl erwachsen: "Ein Hochgefühl wie bei Verliebten, eine Art Symbiose"" schwärmt die Hamburger Tangolehrerin und Therapeutin Marie-Paule Renaud. Die zierliche Französin mit dem dunklen Pagenkopf gehört zu denen, die den argentinischen Tango in den 80er Jahren in Deutschland bekannt machten. "Bei einem Tanz von drei Minuten kann man sich fühlen, als ob man zu zweit eins wäre. Man rutscht in Sphären des Leibes, die nicht mehr kontrollierbar sind."

      Unkontrollierbar sind bei mir allein die Bewegungen meines schlaksigen Körpers. Dennoch wage ich mich abends in den Salon der Tanzschule: ein weiter Raum mit drei Säulen, einer geschwungenen Bar und roten Plüschsofas. Große Spiegel an zwei Wänden. Die meisten Tänzer sind nicht mehr jung, haben sich aber fein gemacht: Frau -en tragen kurze oder hoch geschlitzte Kleider, lassen Colliers und Ohrgehänge blitzen. Männer geben in schwarzen Hosen und einfarbigen Hemden den eleganten Hintergrund. Die Stimmung ist ernst."

      Oft sind es die ersten Narben, die jemanden mit dem Tango beginnen lasse", sagt Michael Domke. Viele kämen
      nach Ehescheidungen oder Identitätskrisen. "Sie verstehen den Tango eher als junge Leute."" Domke begann selbst nach einer tiefen seelischen Krise zu tanzen. Tangomusik ist für ihn sentimental und sehnsüchtig, aber er hört auch ein kraftvolles ""Trotz alledem" heraus. "Selbst ein Trauertanz ist ein Stück Leben."

      Tangotänzer nehmen einen Faden wieder auf, der ihnen vor Jahren abgerissen ist, meint Edde Heeren, Tanzlehrerin in Hannover. Sie ist Anfang 30, eine attraktive Frau mit weichen Gesichtszügen. Ihr Psychologiestudium hat sie mit einer Diplomarbeit über die "Ausdrucksgestalt des Tangotanzes" abgeschlossen.

      Menschen zwischen 30 und 50 fangen zu tanzen an, wenn sie ihre beruflichen Ziele erreicht haben oder wenn die Kinder aus dem Gröbsten raus sind, hat Heeren herausgefunden. Dann suchen sie etwas Emotionales" das weder mit Job noch Familie zu tun hat. Die meisten gehören zur gutsituierten Mittelschicht, Arbeiter und Hausfrauen sind selten. Einige kommen paarweise, die meisten allein. Ich stehe an der Bar" bestelle das zweite Glas argentinischen Rotwein und plaudere mit Heike, der Rechtsanwältin. Vor zehn Jahren fing sie mit dem Tango an, damals war
      sie gerade 30. Wollte sie beim Tango Männer kennen lernen?

      Heike schaut mich mitleidig an: "Das ist ein Klischee, dass beim Tango zwischen Männern und Frauen die Post abgeht." Was sie trieb, war die "Sehnsucht nach mir selbst als einer anderen Frau". Die Männer brauchte sie zum Tanzen" aber geguckt habe sie nach den Frauen. Halb neidisch, halb bewundernd. Ob der Tango wohl auch Männer männlicher macht? "Klar", sagt Olaf, ein Lehrer von Anfang 40, "seit ich Tango tanze, geht was in mir vor." Beim Tanzen könne er seine "männliche Selbstfindung forcieren". Im täglichen Leben gehe das nicht. "Ich will mich ja nicht als Macho gebärden." Also der Tanz als Ventil für nicht gelebte Männlichkeit? Der sanftmütige Olaf wiegt den Kopf. Jedenfalls dürfe er beim Führen ,"subtil und nonverbal Mann sein", und das habe ihn verändert: Seine körperliche Haltung sei aufrechter, seine seelische auch: Er gehe selbstbewusster durch die Welt, lasse sich nicht mehr "so schnell runterziehen".

      Beim Tango dürfe der Mann genießen, sagt Michael Domke. Er meint das ""Strömen erotischer Energie"", besonders im engen Tanzstil. "Ich spüre ihre Brüste an meiner Brust" ihre Beine an meinen bei jeder Bewegung" habe ihr leises Seufzen im Ohr." Die Frauen wollen diese Nähe, Angst vor dem engen Stil haben eher die Männer. Ganz ohne Grund, findet Domke: "Wenn die Musik aufhört, kann ich die erotische Bindung wieder lösen. Ich komme mit heiler Haut wieder raus. Wo gibt es das sonst?"

      Tango, ein Tanz für Bindungsschwache? Nicht nur. Denn feste Paare frönen auch der Tanzlust - gemeinsam. Wenn sie allerdings nicht den Himmel auf ihrer Seite haben, rutschen sie auf dem Tangoparkett leicht aus. ",Sie bringen ihren häuslichen Streit mit in den Tanz", sagt Eddie Heeren, "manche zanken sich bei jedem Schritt." Aber sie können sich auch neu füreinander öffnen: "Ach, so kannst du auch sein!" Bei vielen bekommt das Sexualleben neue Impulse - und die Eifersucht neue Nahrung. Denn das gerade neu Ent deckte steht beim Tango ja auch anderen Männern und Frauen offen.

      Wenn nur einer der beiden Partner Tango tanzt, wird es für die Ehe besonders eng. "Mein Mann konnte mich nie richtig umarmen" aber manche Tänzer können das", erzählt Heidrun,Projektleiterin bei einer Umweltfirma. ",Sie nehmen mich an ihre Brust an ihr Herz und wiegen mich wie ein kleines Kind. Sie gehen ein paar Schritte mit mir zu dieser wehmütigen Musik, als wollten sie sagen: Ist das nicht schön? Und ich denke: So könnte sich mein Glück anfühlen."

      Als Heidrun ihre ersten Nächte vertanzte, ging ihr Mann mit einer jüngeren Kollegin ins Bett. Jetzt lebt Heidrun allein. Ihr Glück dauert immer nur wenige Minuten: ,;Wenn die Musik zu Ende ist stehe ich verlegen da mit dem Typen. Keiner weiß was zu sagen." Manchmal kommt sie sich vor wie ein Dieb. ,"Ich habe Nähe gewollt und bekommen, jetzt mache ich mich mit der Beute davon.“

      Frauen führen Frauen. Das ist in Argentinien verpönt aber in Europa üblich. Viel seltener sehe ich Männer, die mit Männern tanzen. "Ich mag das sehr", sagt Marie-Paule Renaud. "Diese leicht aggressive Spannung zwischen den beiden - wunderbar!" Renaud erwartet von ihren Schülern,
      dass sie beides lernen: Frauen das Führen und Männer das Folgen. Sie ist überzeugt: "Wir alle haben das Potenzial für beide Rollen." Erst wenn die Tänzer das entwickeln, werde der Tango - noch immer als Machotanz verschrien - ein emanzipatorisches Vergnügen.

      Marie- Paule Renaud ist Tanzlehrerin und zugleich Gestalttherapeutin. in ihrem Studio setzt sie den Tango bei Gruppentherapien ein. Der Tanz führe die Schüler schnell zu ihrem Lebensthema. Er reiße die Tänzer unwiderstehlich in die Regression: ,"Unsere Babyzeit kommt hoch" weil wir den Tanzpartner so nahe wie früher die Mutter haben. Wir spüren seine Vibrationen, seine Muskelspannung. Dazu kommt die Musik, sie ist viel emotionaler als Standardtanzmusik."

      Deshalb sei der Tanz auch geeignet den Seelenzustand der Klienten sichtbar zu machen: ob sie Raum greifen bei ihren Schritten oder nur trippeln. Ob sie sich trauen, ihr ganzes Gewicht auf ein Bein zu legen" oder lieber den zweiten Fuß am Boden lassen. "Das ist nicht zufällig, da drückt sich ihr Leben aus."
      Renaud glaubt mit ihrer Tangotherapie frühkindliche Beziehungsmuster aufdecken zu können. "Wenn ein Mann sich nicht traut beim Tanzen die Brust vorzuwölben, um seine Partnerin zu spüren, steckt dahinter vielleicht ein alter Konflikt mit seiner gestressten Mutter." Andere Tanzlehrer rühren nicht ans Seelenleben. Sie sind überzeugt dass der Tango seine Tänzer auch ohne Therapie selbstbewusster macht und ihnen neue Dimensionen des Fühlens eröffnet. Aber ernsthafte psychische Hemmnisse kann wohl niemand wegtanzen.

      Edde Heeren berichtet von Schülern, die emsig von Workshop zu Workshop reisen. Sie lassen sogar Videoauf - nahmen machen, damit sie zu Hause die Tanzfiguren akribisch nacharbeiten können. Dennoch kommen sie über ein bestimmtes Niveau nicht hinaus. "Sie sind an eine innere
      Grenze gestoßen" mit der sie sich nicht konfrontieren wollen, etwa in einer Therapie", vermutet die Psychologin. Andererseits: Menschen" die eine Therapie erfolgreich zu Ende bringen" tanzen nachher besser als vorher, weiß Max Peschek. "Eine Identität als Mann oder Frau, die man vorzeigen kann, hilft den Menschen, beim Tanzen präsent.zu sein“
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      Auf die Couch muss ich nicht denke ich unbekümmert ich muss nur üben. Immer öfter gehe ich abends in den Salon. Man kennt mich schon" man grüßt mich. Gelegentlich finde ich eine Anfängerin, die mit meinem tänzerischen Können zufrieden ist. Aber meistens stehe ich" ein Weinglas in der Hand, an der Bar und lasse sie vor meinen Augen vorüberschweben: die stolzen Mädchen und schüchternen Jungs, die sich zu dieser wehmütigen Musik ins Babyalter zurückschleichen. Die Bindungsschwachen, die Nähe für kurze Zeit suchen oder erotische Trance. Noch bin ich ein schlechter Tänzer. Aber ich lasse nicht locker.