KUBA: Und Castro denkt doch an die Zukunft (15.02.2006)
Was passiert nach Castros Tod? - Der kubanische Staatschef selber lanciert darüber eine Debatte
Wenn Fidel Castro einmal nicht mehr da ist - stirbt dann auf Kuba auch der Sozialismus? Die Kubaner, sonst streng kontrolliert, dürfen derzeit laut darüber nachdenken. Fidel Castro selber munterte dazu auf.
Seit Anfang Jahr wird in Havanna in den 19 000 Komitees zur Verteidigung der Revolution diskutiert, wie es mit Kuba nach dem Tod des heute 79-jährigen Staatschefs Fidel Castro weitergehen soll. Während den nächsten Monaten soll diese Debatte in allen Komitees im Lande stattfinden. Kernfrage in der Debatte ist: Wie können die Errungenschaften der Revolution von 1955 bis 1959, vor allem natürlich der Sozialismus, fortbestehen, wenn Castro tot ist?
Fidelisten, nicht Sozialisten
Bisher hatte sich der kubanische Staatschef mit Überzeugungskraft und oft auch Repression die Unterstützung seiner Politik gesichert. Solange der Revolutionsführer lebt, erwartet denn auch weder in Kuba noch im Ausland niemand eine Abkehr vom herrschenden System. Castros Lebenserwartung aber schwindet. Und gleichzeitig bezeichnet sich eine Mehrheit der Kubaner nicht als Sozialisten, sondern als Fidelisten.
Das heisst, sie stehen grundsätzlich hinter der Person Castro, aber nicht unbedingt hinter dem Sozialismus. Was also passiert, wenn ihr Idol nicht mehr da ist?
Castros Regime wird von internationalen Organisationen und vor allem von den USA regelmässig kritisiert. Weniger für seine Menschenrechtsverletzungen, die im Vergleich mit anderen lateinamerikanischen Staaten wie Kolumbien, Mexiko oder Honduras moderat sind. Umso mehr aber weil die Regierung den Kubanerinnen und Kubanern praktisch keine politischen Rechte einräumt.
Die gegenwärtige Einladung der Regierung an die Bewohner der Karibikinsel, an der Diskussion über die Zukunft des Landes teilzunehmen, ist deshalb aussergewöhnlich.
Aufschlussreiche Umfrage
Genau dies, nämlich eine offene Debatte über die Zeit nach Castro, hatten jüngst Hunderte Studenten in einer Umfrage über die Missstände auf der Insel gefordert. Diese Umfrage der staatlichen Zeitung «Juventud Rebelde» durfte mit Zustimmung der Regierung - auch dies ist aussergewöhnlich - im ganzen Land durchgeführt werden. Eine Mehrheit der Befragten offenbarte passiven Widerstand gegenüber der Regierungspolitik respektive resigniertes Warten auf den Abgang des Staatschefs.
Umfragen von Korrespondenten ausländischer Zeitungen und Nachrichtenagenturen in der Hauptstadt Havanna ergaben ähnliche Resultate. Die Studenten kritisierten ferner auch übermässige, politische Einheitspropaganda, fehlende Reisefreiheit und das Lohnniveau. Es dürfe zum Beispiel nicht sein, dass ein Kellner dank dem Trinkgeld ausländischer Touristen mehr verdiene, als ein Arzt in Form seines staatlichen Lohnes erhalte.
Auslöser der gegenwärtigen, ungewöhnlich öffentlichen und auch ungewöhnlich offenen Debatte war eine Rede Fidel Castros im vergangenen November an der Universität Havanna. Die Zuhörer staunten nicht schlecht, als der Lider Maximo, der die Revolution bis dahin immer als «unbesiegbar» bezeichnet hatte, mit einem Mal offen über interne Gefahren für den Sozialismus sprach. Die Szenarien für das Kuba nach Castro reichen vom Fortbestehen des sozialistischen Systems bis zu einer US-Invasion.
Letzteres galt stets als grösste Bedrohung - und ist es anscheinend nicht mehr seit Castros Rede: «Dieses Land, diese Revolution können von uns selbst zerstört werden», sagte der Staatschef vor Ministern, Professoren und Studenten. Zuvor hatte er über Misswirtschaft, Korruption und massiven Diebstahl in den Staatsbetrieben gewettert - Probleme, die Kuba schon seit Jahren zu schaffen machen.
Castro forderte auch eine «Revolution in der Revolution», um politische und wirtschaftliche Fehler der Vergangenheit auszumerzen: eine Kampagne, die mehr ethischen als politischen Charakter besitzt und die dazu dienen soll, den bröckelnden Idealismus unter den Bürgern zu festigen und die Jungen, welche die Revolution nur aus den Geschichtsbüchern kennen, in die Ideologie einzubinden.
Grosse Unzufriedenheit
Politologen haben Fidel Castros Rede als so realitätsnah bezeichnet wie seit dem Revolutionsende keine andere. Zwar wurde 2002 der Sozialismus gar in der Verfassung verankert und bereits zuvor Fidels um fünf Jahre jüngerer Bruder Raul als sein Nachfolger designiert. Der kubanische Staatschef aber scheint sich bewusst zu sein, dass es mehr braucht, um den Geist der Revolution über seinen Tod hinaus am Leben zu erhalten.
Vor allem scheint er erkannt zu haben, dass die grösste Bedrohung aus dem Inland kommt: die wachsende Unzufriedenheit der Bürger, an der ja die meisten sozialistischen Staaten gescheitert sind.
Castros Aufforderung an die Kubaner, an der Diskussion über die Zukunft des Landes teilzunehmen, kommt aber nicht nur im jetzigen Zeitpunkt, weil er im August 80 wird und der passive Widerstand gegen sein Regime wächst. Sie kommt vor allem auch deswegen jetzt, weil die wirtschaftlichen und politischen Perspektiven der Insel so gut sind wie nie seit dem Fall der Sowjetunion.
Kuba hat vor Kurzem seine Wirtschaftszusammenarbeit mit Venezuela und China gestärkt und ist 2005 mehr gewachsen denn je seit 1959. Derweil werden die politischen Freunde mit jedem Linksrutsch in Lateinamerika zahlreicher. Unter diesen Voraussetzungen kann Kubas Regierung die Lebensqualität der Bürger erhöhen, wie zurzeit mit massiven Investitionen in den öffentlichen Verkehr und die Energieversorgung, und damit gleichzeitig den Rückhalt im Volk für den Sozialismus erneuern.
Was passiert nach Castros Tod? - Der kubanische Staatschef selber lanciert darüber eine Debatte
Wenn Fidel Castro einmal nicht mehr da ist - stirbt dann auf Kuba auch der Sozialismus? Die Kubaner, sonst streng kontrolliert, dürfen derzeit laut darüber nachdenken. Fidel Castro selber munterte dazu auf.
Seit Anfang Jahr wird in Havanna in den 19 000 Komitees zur Verteidigung der Revolution diskutiert, wie es mit Kuba nach dem Tod des heute 79-jährigen Staatschefs Fidel Castro weitergehen soll. Während den nächsten Monaten soll diese Debatte in allen Komitees im Lande stattfinden. Kernfrage in der Debatte ist: Wie können die Errungenschaften der Revolution von 1955 bis 1959, vor allem natürlich der Sozialismus, fortbestehen, wenn Castro tot ist?
Fidelisten, nicht Sozialisten
Bisher hatte sich der kubanische Staatschef mit Überzeugungskraft und oft auch Repression die Unterstützung seiner Politik gesichert. Solange der Revolutionsführer lebt, erwartet denn auch weder in Kuba noch im Ausland niemand eine Abkehr vom herrschenden System. Castros Lebenserwartung aber schwindet. Und gleichzeitig bezeichnet sich eine Mehrheit der Kubaner nicht als Sozialisten, sondern als Fidelisten.
Das heisst, sie stehen grundsätzlich hinter der Person Castro, aber nicht unbedingt hinter dem Sozialismus. Was also passiert, wenn ihr Idol nicht mehr da ist?
Castros Regime wird von internationalen Organisationen und vor allem von den USA regelmässig kritisiert. Weniger für seine Menschenrechtsverletzungen, die im Vergleich mit anderen lateinamerikanischen Staaten wie Kolumbien, Mexiko oder Honduras moderat sind. Umso mehr aber weil die Regierung den Kubanerinnen und Kubanern praktisch keine politischen Rechte einräumt.
Die gegenwärtige Einladung der Regierung an die Bewohner der Karibikinsel, an der Diskussion über die Zukunft des Landes teilzunehmen, ist deshalb aussergewöhnlich.
Aufschlussreiche Umfrage
Genau dies, nämlich eine offene Debatte über die Zeit nach Castro, hatten jüngst Hunderte Studenten in einer Umfrage über die Missstände auf der Insel gefordert. Diese Umfrage der staatlichen Zeitung «Juventud Rebelde» durfte mit Zustimmung der Regierung - auch dies ist aussergewöhnlich - im ganzen Land durchgeführt werden. Eine Mehrheit der Befragten offenbarte passiven Widerstand gegenüber der Regierungspolitik respektive resigniertes Warten auf den Abgang des Staatschefs.
Umfragen von Korrespondenten ausländischer Zeitungen und Nachrichtenagenturen in der Hauptstadt Havanna ergaben ähnliche Resultate. Die Studenten kritisierten ferner auch übermässige, politische Einheitspropaganda, fehlende Reisefreiheit und das Lohnniveau. Es dürfe zum Beispiel nicht sein, dass ein Kellner dank dem Trinkgeld ausländischer Touristen mehr verdiene, als ein Arzt in Form seines staatlichen Lohnes erhalte.
Auslöser der gegenwärtigen, ungewöhnlich öffentlichen und auch ungewöhnlich offenen Debatte war eine Rede Fidel Castros im vergangenen November an der Universität Havanna. Die Zuhörer staunten nicht schlecht, als der Lider Maximo, der die Revolution bis dahin immer als «unbesiegbar» bezeichnet hatte, mit einem Mal offen über interne Gefahren für den Sozialismus sprach. Die Szenarien für das Kuba nach Castro reichen vom Fortbestehen des sozialistischen Systems bis zu einer US-Invasion.
Letzteres galt stets als grösste Bedrohung - und ist es anscheinend nicht mehr seit Castros Rede: «Dieses Land, diese Revolution können von uns selbst zerstört werden», sagte der Staatschef vor Ministern, Professoren und Studenten. Zuvor hatte er über Misswirtschaft, Korruption und massiven Diebstahl in den Staatsbetrieben gewettert - Probleme, die Kuba schon seit Jahren zu schaffen machen.
Castro forderte auch eine «Revolution in der Revolution», um politische und wirtschaftliche Fehler der Vergangenheit auszumerzen: eine Kampagne, die mehr ethischen als politischen Charakter besitzt und die dazu dienen soll, den bröckelnden Idealismus unter den Bürgern zu festigen und die Jungen, welche die Revolution nur aus den Geschichtsbüchern kennen, in die Ideologie einzubinden.
Grosse Unzufriedenheit
Politologen haben Fidel Castros Rede als so realitätsnah bezeichnet wie seit dem Revolutionsende keine andere. Zwar wurde 2002 der Sozialismus gar in der Verfassung verankert und bereits zuvor Fidels um fünf Jahre jüngerer Bruder Raul als sein Nachfolger designiert. Der kubanische Staatschef aber scheint sich bewusst zu sein, dass es mehr braucht, um den Geist der Revolution über seinen Tod hinaus am Leben zu erhalten.
Vor allem scheint er erkannt zu haben, dass die grösste Bedrohung aus dem Inland kommt: die wachsende Unzufriedenheit der Bürger, an der ja die meisten sozialistischen Staaten gescheitert sind.
Castros Aufforderung an die Kubaner, an der Diskussion über die Zukunft des Landes teilzunehmen, kommt aber nicht nur im jetzigen Zeitpunkt, weil er im August 80 wird und der passive Widerstand gegen sein Regime wächst. Sie kommt vor allem auch deswegen jetzt, weil die wirtschaftlichen und politischen Perspektiven der Insel so gut sind wie nie seit dem Fall der Sowjetunion.
Kuba hat vor Kurzem seine Wirtschaftszusammenarbeit mit Venezuela und China gestärkt und ist 2005 mehr gewachsen denn je seit 1959. Derweil werden die politischen Freunde mit jedem Linksrutsch in Lateinamerika zahlreicher. Unter diesen Voraussetzungen kann Kubas Regierung die Lebensqualität der Bürger erhöhen, wie zurzeit mit massiven Investitionen in den öffentlichen Verkehr und die Energieversorgung, und damit gleichzeitig den Rückhalt im Volk für den Sozialismus erneuern.
Das absolute Wissen führt zu Pessimismus; die Kunst ist das Heilmittel dagegen.
Friedrich Nietzsche (1844-1900), dt. Philosoph
Friedrich Nietzsche (1844-1900), dt. Philosoph