SURAMERICA: Südamerikas Katholiken - Stütze des Heiligen Stuhls (07.04.2005)
Selbst der letzte wackere Kommunist in der westlichen Hemisphäre, der kubanische Revolutionsführer Fidel Castro, nannte den verstorbenen Papst Johannes Paul II. seinen Freund. Doch bei aller Freundschaft: Wer die meisten Katholiken stellt, finden die Lateinamerikaner, der hat auch verdient, den Papst zu stellen.
Lateinamerika weint fast geschlossen um den Papst, selten schien der Subkontinent so vereint zu sein. Südlich des Rio Grande werden seit dem Tod von Johannes Paul II. gewaltige Gottesdienste gefeiert, vor allem in Brasilien und Mexiko.
In der Basilika von Aparecida im brasilianischen Bundesstaat Sao Paulo und um sie herum versammelten sich 50000 Gläubige; am Wallfahrtsort der Jungfrau von Guadelupe in Mexiko-Stadt drängten sich Zehntausende vor der Statue von Karol Wojtyla, die dort zu seinen Lebzeiten errichtet wurde.
Eine mexikanische Sportzeitung hob den verstorbenen Heiligen Vater auf den Titel und bezeichnete ihn als "Führungsfigur". Staatschefs würdigten sein Werk, erließen tagelange Staatstrauer - sogar Kubas Präsident Fidel Castro, der ihn einen "unvergesslichen Freund" nannte und im Kondolenz-Buch der Nuntiatur von Havanna eine ganze Seite voll schrieb.
Marxisten und rechte Tyrannen
In diesen Momenten bestätigt die Region ihren Ruf, die weltgrößte Bastion des Heiligen Stuhls zu sein. Immerhin leben fast die Hälfte aller Katholiken zwischen der US-Grenze und Feuerland, ungefähr eine halbe Milliarde Menschen, bald wird es die Mehrheit sein.
Die Missionare aus den Mutterländern der ehemaligen Kolonien, vor allem Spanien und Portugal, haben dort ganze Arbeit geleistet.
In Mexiko folgen 92 der 100 Millionen Einwohner dem Papst, der das Land fünfmal besuchte. Brasilien ist mit mehr als 140 Millionen Gläubigen sogar die größte katholische Nation, Tendenz jedoch fallend.
Trost unterm Kreuz
Auch Kleinstaaten wie Honduras und Guatemala sind Hochburgen, vor allem das verarmte Gros der Bevölkerung sucht Trost unter dem Kreuz. So mag Lateinamerika für politische Geostrategen von nachrangiger Bedeutung sein - für den Vatikan ist es ein Zentrum.
Das beeindruckte auch die Politik. Die Anhänger des Papstes reichen von rechtsradikalen Tyrannen wie dem Chilenen Augusto Pinochet bis hin zu mehr oder weniger überzeugten Sozialisten. Brasiliens Präsident Lula, ein geläuterter Marxist, schätzte den Oberhirten als Mitstreiter im Kampf gegen den Hunger und als Gegner des Irak-Kriegs.
Als US-Kritiker überzeugte der Papst selbst Castro, der ihn 1998 auf der offiziell atheistischen Zuckerinsel empfing. Die Menschheit werde sich immer an seinen "unermüdlichen Einsatz für den Frieden, die Gerechtigkeit und Solidarität zwischen den Völkern" erinnern, schrieb Kubas Maximo Lider nun.
Gott und Sandinisten
Auch Venezuelas gläubiger Präsident Hugo Chavez betrachtete den Oberhirten als Verbündeten im Kampf gegen die Globalisierung, die viele Lateinamerikaner ablehnen.
Die Kirche ist die führende karitative Einrichtung Lateinamerikas, sie vermittelt in Kolumbiens Bürgerkrieg. Allerdings ging Johannes Paul II. manches zu weit.
Legendär ist seine Moralpredigt
Nicaraguas Priester, Poeten und Politiker Ernesto Cardenal. Am Flughafen von Managua rüffelte er 1983 mit erhobenem Zeigefinger den Rebellen, der für die siegreichen Sandinisten die Kalaschnikow geschultert hatte und damals Kulturminister war.
"Theologische Kreativität und Freiheit"
Karol Wojtyla mochte keine allzu politischen Geistlichen unter Führungspersönlichkeiten. Und er mochte keine Querdenker, von denen die Lehre anders ausgelegt wurde, als er sie selber bestimmte.
Sein Diktat in den Fragen der christlichen Moral brachte den temperamentvollen Polen in Konflikt mit diversen Befreiungstheologen, die angesichts der sozialen Ungerechtigkeiten in Lateinamerika traditionell stark vertreten sind.
Dem Brasilianer Leonardo Boff verbot die Kurie wegen seiner streitbaren Ideen zu predigen und zu veröffentlichen, worauf Boff das Priestergewand auszog. "Die theologische Kreativität und Freiheit" sei unter dem Pontifex "sehr schwierig" geworden, klagte der Franziskaner Boff.
Wichtigster Bibel-Produzent
Die Hardliner von Opus Dei waren Wojtyla wesentlich willkommener; so genoss der peruanische Kardinal Juan Luis Ciprani bei ihm mehr Sympathie als der peruanische Befreiungstheologe Gustavo Gutierrez. Als brasilianische Bischöfe 2000 den Einsatz von Kondomen gegen Aids empfahlen, pfiff sie der Gralshüter der Kurie zurück.
Zu besichtigen sind die Folgen vor allem in Brasilien, das sexuell freizügigere Vorstellungen hat. Das Riesenreich ist zwar der bedeutendste Produzent und Verbreiter von Bibeln; im Jahr 2002 wurden laut Statistik mehr als 8,5 Millionen Exemplare gedruckt.
Die Nachfrage liegt indes nicht zuletzt am Zulauf der protestantischen Freikirchen, besonders der so genannten Pfingstkirchen, die der katholischen Kirche immer mehr Schäfchen abjagen. Mindestens 25 Millionen Mitglieder gehören den verschiedenen Ausrichtungen bereits an, am meisten boomen das "Universale Königreich Gottes" sowie die "Götterversammlung"; sie sind entsprechend wohlhabend.
21 Kardinäle für die Konklave
In einer schlichten, aber bekannten Kirche in der mexikanischen Region Chiapas wiederum erleben Touristen, wie indianische Gläubige den katholischen Heiligen den Rücken zukehren und auf strohbedecktem Boden ihre eigenen Riten pflegen; Reaktionen auf 500 Jahre Kolonisierung und Unterdrückung.
Dennoch nannte Johannes Paul II. Lateinamerika den "Kontinent der Hoffnung", als er 2002 noch einmal Mexiko und Guatemala bereiste und einen Ureinwohner heilig sprach, den Mexikaner Juan Diego. 21 Kardinäle aus der Region fliegen nun nach Rom, um den Nachfolger des Papstes zu wählen.
Besonders dem Brasilianer Claudio Hummes und Oscar Rodriguez aus Honduras wird zugetraut, ihn zu beerben. Wer die meisten Katholiken stellt, finden die Lateinamerikaner, der hat auch den Papst verdient.
Selbst der letzte wackere Kommunist in der westlichen Hemisphäre, der kubanische Revolutionsführer Fidel Castro, nannte den verstorbenen Papst Johannes Paul II. seinen Freund. Doch bei aller Freundschaft: Wer die meisten Katholiken stellt, finden die Lateinamerikaner, der hat auch verdient, den Papst zu stellen.
Lateinamerika weint fast geschlossen um den Papst, selten schien der Subkontinent so vereint zu sein. Südlich des Rio Grande werden seit dem Tod von Johannes Paul II. gewaltige Gottesdienste gefeiert, vor allem in Brasilien und Mexiko.
In der Basilika von Aparecida im brasilianischen Bundesstaat Sao Paulo und um sie herum versammelten sich 50000 Gläubige; am Wallfahrtsort der Jungfrau von Guadelupe in Mexiko-Stadt drängten sich Zehntausende vor der Statue von Karol Wojtyla, die dort zu seinen Lebzeiten errichtet wurde.
Eine mexikanische Sportzeitung hob den verstorbenen Heiligen Vater auf den Titel und bezeichnete ihn als "Führungsfigur". Staatschefs würdigten sein Werk, erließen tagelange Staatstrauer - sogar Kubas Präsident Fidel Castro, der ihn einen "unvergesslichen Freund" nannte und im Kondolenz-Buch der Nuntiatur von Havanna eine ganze Seite voll schrieb.
Marxisten und rechte Tyrannen
In diesen Momenten bestätigt die Region ihren Ruf, die weltgrößte Bastion des Heiligen Stuhls zu sein. Immerhin leben fast die Hälfte aller Katholiken zwischen der US-Grenze und Feuerland, ungefähr eine halbe Milliarde Menschen, bald wird es die Mehrheit sein.
Die Missionare aus den Mutterländern der ehemaligen Kolonien, vor allem Spanien und Portugal, haben dort ganze Arbeit geleistet.
In Mexiko folgen 92 der 100 Millionen Einwohner dem Papst, der das Land fünfmal besuchte. Brasilien ist mit mehr als 140 Millionen Gläubigen sogar die größte katholische Nation, Tendenz jedoch fallend.
Trost unterm Kreuz
Auch Kleinstaaten wie Honduras und Guatemala sind Hochburgen, vor allem das verarmte Gros der Bevölkerung sucht Trost unter dem Kreuz. So mag Lateinamerika für politische Geostrategen von nachrangiger Bedeutung sein - für den Vatikan ist es ein Zentrum.
Das beeindruckte auch die Politik. Die Anhänger des Papstes reichen von rechtsradikalen Tyrannen wie dem Chilenen Augusto Pinochet bis hin zu mehr oder weniger überzeugten Sozialisten. Brasiliens Präsident Lula, ein geläuterter Marxist, schätzte den Oberhirten als Mitstreiter im Kampf gegen den Hunger und als Gegner des Irak-Kriegs.
Als US-Kritiker überzeugte der Papst selbst Castro, der ihn 1998 auf der offiziell atheistischen Zuckerinsel empfing. Die Menschheit werde sich immer an seinen "unermüdlichen Einsatz für den Frieden, die Gerechtigkeit und Solidarität zwischen den Völkern" erinnern, schrieb Kubas Maximo Lider nun.
Gott und Sandinisten
Auch Venezuelas gläubiger Präsident Hugo Chavez betrachtete den Oberhirten als Verbündeten im Kampf gegen die Globalisierung, die viele Lateinamerikaner ablehnen.
Die Kirche ist die führende karitative Einrichtung Lateinamerikas, sie vermittelt in Kolumbiens Bürgerkrieg. Allerdings ging Johannes Paul II. manches zu weit.
Legendär ist seine Moralpredigt
Nicaraguas Priester, Poeten und Politiker Ernesto Cardenal. Am Flughafen von Managua rüffelte er 1983 mit erhobenem Zeigefinger den Rebellen, der für die siegreichen Sandinisten die Kalaschnikow geschultert hatte und damals Kulturminister war.
"Theologische Kreativität und Freiheit"
Karol Wojtyla mochte keine allzu politischen Geistlichen unter Führungspersönlichkeiten. Und er mochte keine Querdenker, von denen die Lehre anders ausgelegt wurde, als er sie selber bestimmte.
Sein Diktat in den Fragen der christlichen Moral brachte den temperamentvollen Polen in Konflikt mit diversen Befreiungstheologen, die angesichts der sozialen Ungerechtigkeiten in Lateinamerika traditionell stark vertreten sind.
Dem Brasilianer Leonardo Boff verbot die Kurie wegen seiner streitbaren Ideen zu predigen und zu veröffentlichen, worauf Boff das Priestergewand auszog. "Die theologische Kreativität und Freiheit" sei unter dem Pontifex "sehr schwierig" geworden, klagte der Franziskaner Boff.
Wichtigster Bibel-Produzent
Die Hardliner von Opus Dei waren Wojtyla wesentlich willkommener; so genoss der peruanische Kardinal Juan Luis Ciprani bei ihm mehr Sympathie als der peruanische Befreiungstheologe Gustavo Gutierrez. Als brasilianische Bischöfe 2000 den Einsatz von Kondomen gegen Aids empfahlen, pfiff sie der Gralshüter der Kurie zurück.
Zu besichtigen sind die Folgen vor allem in Brasilien, das sexuell freizügigere Vorstellungen hat. Das Riesenreich ist zwar der bedeutendste Produzent und Verbreiter von Bibeln; im Jahr 2002 wurden laut Statistik mehr als 8,5 Millionen Exemplare gedruckt.
Die Nachfrage liegt indes nicht zuletzt am Zulauf der protestantischen Freikirchen, besonders der so genannten Pfingstkirchen, die der katholischen Kirche immer mehr Schäfchen abjagen. Mindestens 25 Millionen Mitglieder gehören den verschiedenen Ausrichtungen bereits an, am meisten boomen das "Universale Königreich Gottes" sowie die "Götterversammlung"; sie sind entsprechend wohlhabend.
21 Kardinäle für die Konklave
In einer schlichten, aber bekannten Kirche in der mexikanischen Region Chiapas wiederum erleben Touristen, wie indianische Gläubige den katholischen Heiligen den Rücken zukehren und auf strohbedecktem Boden ihre eigenen Riten pflegen; Reaktionen auf 500 Jahre Kolonisierung und Unterdrückung.
Dennoch nannte Johannes Paul II. Lateinamerika den "Kontinent der Hoffnung", als er 2002 noch einmal Mexiko und Guatemala bereiste und einen Ureinwohner heilig sprach, den Mexikaner Juan Diego. 21 Kardinäle aus der Region fliegen nun nach Rom, um den Nachfolger des Papstes zu wählen.
Besonders dem Brasilianer Claudio Hummes und Oscar Rodriguez aus Honduras wird zugetraut, ihn zu beerben. Wer die meisten Katholiken stellt, finden die Lateinamerikaner, der hat auch den Papst verdient.
Das absolute Wissen führt zu Pessimismus; die Kunst ist das Heilmittel dagegen.
Friedrich Nietzsche (1844-1900), dt. Philosoph
Friedrich Nietzsche (1844-1900), dt. Philosoph